Dave wollte im Januar zurückfliegen und so blieben für
jedes Fahrzeug immer noch zwei Besatzungsmitglieder um
die Kosten zu teilen, wenn wir uns anders verteilten.
Joachim und Elly waren über diese Aussicht auch nicht
gerade unglücklich, wie mir schien.
Ein Fahrzeug fuhr jetzt in die Stadt um Bier zu holen und
abends spülten wir unseren Ärger mit diesem herunter. Am
nächsten Tag kamen die beiden Aussteiger nochmals ins
Lager um ein paar vergessene Dinge zu holen, doch an
Aussöhnung war nicht zu denken. Dave und ich redeten kein
Wort mit ihnen und Bruno nur das Allernötigste. Da Vroni
am besten französisch sprach, war das schon ein Verlust
für uns.
Wir blieben über Sylvester im Dorf und machten uns
dann am ersten Tag des neuen Jahres 1981 zu fünft auf den
Weg nach Abidjan. Von Sassandra aus führte eine geteerte
Straße durch den Wald, auf dieser klebten häufig
geplättete Schlangen, vermutlich war der warme Teer für
die Kaltblüter in den relativ kühlen Nächten ein
bevorzugter Aufenthaltsort. Mir taten die vielen toten
Tiere zwar ein bißchen leid, aber nur eine tote Schlange
ist eine gute Schlange. Ich bildete mir nämlich damals
ein, irgendwann einmal an einem Schlangenbiß zu
sterben.
Die Straße mündete zu unserem Erstaunen bei Tlassale in
eine vierspurige Autobahn mit allen Schikanen, die einer
deutschen Rollbahn alle Ehre gemacht hätte. (Wiederum
wirkte es sich jetzt negativ aus, daß die beste aller
Westafrika-Karten, die 303 von Michelin, aus
militärisch-politischen Gründen in aktueller Ausgabe
nicht mehr zu kaufen war.)
Einige Unterschiede zu Europa gab es allerdings doch,
nicht nur, daß die Bahn durch den Urwald führte; der
Verkehr war ausgesprochen rar, Fußgänger spazierten auf
der Autobahn und auf dem Mittelstreifen sowie der
Überholspur hatten bei manchen Brücken Dorfbewohner
ihre Wäsche zum Trocknen ausgelegt.
Die überdimensionierte Autobahn wurde gerade von dem
hiesigen Despoten Houphouet-Boigny unter
Verschwendung vieler Milliarden zwischen der aus dem
Busch gestampften zukünftigen Hauptstadt der
Elfenbeinküste und Abidjan angelegt. Dem kannibalischen
Monster und ehemaligen Diktator Zentalafrikas,
Ex-"Kaiser" Bokassa, wurde seinerzeit übrigens von
Houphouet-Boigny Asyl gewährt. In der neuen Hauptstadt
Yamoussoukro sollte er noch in typisch afrikanischem
Protz den größten Dom der Christenheit, eine vergrößerte
Kopie des Petersdomes von Rom, errichten lassen. Der
verantwortungsvolle Umgang mit all diesen Mitteln hätte
die Entwicklung des eigentlich reichen Landes weit
voranbringen können.
Kurz vor den Außenbezirken der größten und immer noch
Hauptstadt des Landes Abidjan führte die Autobahn über
einen Fluß, dort hatten sich viele Dutzende, wenn nicht
Hunderte von Wäschern und Wäscherinnen versammelt, die im
Fluß anderer Leute Wäsche wuschen und diese auf einer
großen Lichtung zum Trocknen ausgebreitet hatten. Ein
Bild wie aus Indien. Die Stadt selbst jedoch wirkte
zumindest im Zentrum futuristisch auf uns. So etwas
hatten wir nicht erwartet. Moderne Hochhäuser und andere
schicke Gebäude. In der Innenstadt herrschte
feiertägliche Ruhe, Banken und öffentliche Gebäude hatten
geschlossen. Relativ viele Weiße waren trotzdem auf den
Straßen zu sehen.
Unsere mehrere Stunden andauernde Sightseeing-Tour führte
uns jedoch auch an die Lagunen der Stadt. Dort sah es
ganz anders aus. Die Menschen hausten in ärmlichen
Hütten und Bretterverschlägen. Wir sahen uns dort an den
an der Straße aufgestellten Garküchen nach Essbarem um,
nahmen aber angesichts der hygienischen Verhältnisse doch
von einem Imbiß Abstand, obwohl wir sonst hart im
Nehmen waren. Hauptsächlich deshalb, weil die
angebotenen Gerichte aus Fisch zweifelhaften Alters und
Herkunft bestanden.
Daß die Banken in Abidjan geschlossen hatten, war
insofern schlecht, weil wir eigentlich noch Schecks
wechseln wollten, da in Ghana das Geld des
westafrikanischen CFA-Währungs-Verbundes lieber genommen wurde
als die nur in Ghana gültige schwache lokale Währung, so
hatten wir gehört. Deshalb wollten wir in Ghana nur den
vorgeschriebenen täglichen Mindestbetrag wechseln.
Doch am morgigen Freitag würde sich schon eine Bank in
einer kleineren Stadt finden und so brachen wir gegen
Abend in Richtung Grenze auf. Die von uns gewählte Route
führte erst nach Osten, dann Richtung Nord entlang der
Grenze nach Agnibilekrou, denn wir wollten möglichst viel
von den beiden Ländern sehen und nordwestlich von Kumasi
in Ghana einreisen, auch wenn es eine bessere Straße nach
Accra gab.
Keine gute Idee, wie sich allerdings erst an der
ghanesischen Grenzstation Gonokrom herausstellen
sollte.
Ich fuhr im VW-Bus mit und als sich nirgendwo ein
guter Lagerplatz finden ließ, kletterte ich nach Einbruch
der Dunkelheit nach hinten auf die Campingliege. Trotz
der dicken Schaumgummimatzratze kein besonders guter
Platz, wie ich auf der jetzt wieder ungeteerten Piste
feststellen mußte. Bald schlief ich trotzdem ein, nur ein
paar Mal wurde ich wach, als Dave und Bruno ein lautes
"Oh" und "Ah" von sich gaben und ich von meiner Unterlage
abhob. Das war meist, als wir ein paar Mal im
Scheinwerferlicht tückische Furten von irgendwelchen
Flüßchen durchquerten.
Wieder einmal erwiesen sich unsere VW´s jedem
Geländewagen als ebenbürtig, es kommt eben stark auf die
Fahrer an. Das hatten wir schon in der Sahara bemerkt,
als unsere Fahrzeuge des öfteren an irgendwelchen
steckengebliebenen Allradfahrzeugen vorübergezogen waren.
Bruno und Joachim waren wirklich hervorragende und
umsichtige Piloten. Zwar klemmte auch ich mich ein paar
Mal hinter das Steuer, doch die schwierigen Passagen
hatte ich immer gern den "Profis" überlassen. Einen
großen Teil unserer Fahrten in Afrika legten wir damals
übrigens auf Pisten oder manchmal gar völlig
unbefestigten Fahrspuren zurück, die oft durch steile
Bachbette führten.
Es war weit nach Mitternacht als wir zum letzten Mal in
der Elfenbeinküste zur Nacht lagerten.
Am 2.1.1981 erreichten wir die Grenzstation der
Elfenbeinküste Takikro (auch: Takikroum) und genau so
problemlos wie bei der Einreise, wenn auch nicht so
erheitert, verließen wir dieses aufregend schöne
Land.
© Peter Engelhardt 2005