1981

Ein erneuter Überfall

In Limbe

Dorf an der Haupstraße von Douala - Yaunde

Nachdem wir den Überfall bei der Polizei gemeldet hatten, wurde diese sofort aktiv. Wir mussten mit dem Rollkommando der zusammengetrommelten Polizisten durch alle einschlägigen Bar´s und Kneipen des Städtchens, ob wir jemanden erkennen würden. Einige Wirte und Gäste wurden scharf befragt - natürlich erfolglos.
Wir kamen uns etwas komisch vor, mit einem Polizeiaufgebot durch die Wirtschaften zu marschieren und die Leute zu betrachten, besuchten wir doch sonst in Westafrika eben solche Kneipen mit guter afrikanischer Musik und jungem Publikum wenn wir des Abends einen Trinken wollten. Wir waren demzufolge froh, als diese unnütze Aktion für beendet erklärt wurde, wenngleich es uns natürlich lieber gewesen wäre, wir hätten Erfolg gehabt. Von der Polizei bekamen wir die Order, im Hof der Polizeistation zu kampieren, es war schon fast sechs Uhr und begann zu Dunkeln.
Also machten wir was wir immer taten, wir packten unseren Benzinkocher aus und entzündeten ein Lagerfeuer, an dem wir nach dem Essen auf den Schreck ein gutes, starkes, kamerunisches Bier trinken wollten.
Mit zur Polizeistation gehörte das lokale Gefängnis, das aus zwei länglichen, eingeschossig gemauerten Häusern mit winzigen vergitterten Fenstern bestand. Diese Häuser waren im rechtem Winkel angeordnet und zusätzlich durch die Umfassungsmauer der Polizeistation gesichert, innerhalb derer auch wir uns befanden.
Wir waren gerade beim Essen, als aus der ersten Zelle laut scheltende Worte kamen, unmittelbar darauf gefolgt von lautem Klatschen und Wehgeschrei. Dieses währte eine Weile, dann wurde es in der Zelle wieder ruhig, jedoch wiederholte sich diese Prozedur in der Zelle Nummer 2, dann in Nummer 3, Nummer 4, Nummer ....
Die armen Kerle! Offenbar wollten uns die Polizisten demonstrieren, daß die Behörden in Kamerun einiges gegen das Verbrechertum unternehmen.
Und das taten sie!
Wir waren natürlich nach dem Überfall auf Kriminelle nicht gut zu sprechen, aber das ging doch entschieden zu weit. Die Insassen des örtlichen Knast´s hatten schließlich ein hieb- und stichfestes Alibi!
Mit großer Wahrscheinlichkeit stammten die Banditen aus der etwa 100 Kilometer entfernten und bei weitem größten Stadt des Landes, aus Douala. Es kann allerdings sehr unangenehm werden, sich in die Angelegenheiten der Organe eines fremden Staates zu mischen in dem man zu Gast ist.
Als die Polizisten mit ihrer "Arbeit" und wir mit unserem Essen fertig waren, kamen der Polizeichef und sein Adjutant an unser Feuer. Wir boten ihnen Platz und Bier, was sie gerne annahmen.
"Leider hatten wir keinen Erfolg bei unseren Vernehmungen" meinte der Polizeichef, "und es steht zu vermuten, daß die Gangster aus dem nahen Nigeria sind."
"So werden wir unser Geld wohl nicht mehr wiedersehen!"
Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche.
"Nun, das kann man jetzt noch nicht sagen, wenn es wirklich Verbrecher aus Limbe waren, dann werden wir sie kriegen!"
"Sie haben die Leute im Gefängnis verprügelt, warum haben sie denn das getan, die waren es doch nicht" meinte Elly.
"Haha", und er machte eine Bemerkung in einer lokalen Sprache über die naiven Europäer zu seinem Adlatus. "Sehen sie, hier in Afrika gibt es noch sehr viele ungebildete Leute. Man kann die Verhältnisse nicht mit dem hochzivilisierten Europa vergleichen, diese Kerle müssen hart angepackt werden, eine andere Sprache verstehen die nicht!"
Mittlerweile war die erste große Flasche des Starkbieres leer, und die Zweite wurde geöffnet.
"Die Deutschen waren die ersten, die Zivilisation in unser Land gebracht haben und sehr vieles aus unserer Infrastruktur stammt noch aus jener Zeit. So zum Beispiel das Wassernetz in Limbe. Seit 1907 steht oben auf dem Hügel die von den Deutschen installierte Wasserpumpe, seit mehr als siebzig Jahren macht die Pumpe Tock-Tock Tock-Tock ..." wobei er abwechselnd die beiden Zeigefinger im Takt auf- und ab bewegte "und versorgt  unsere Stadt mit gutem Wasser!"
Er fuhr fort, das hohe Lied der Deutschen zu singen und mittlerweile waren wir bei Flasche Nummer Drei angekommen.
Das Gespräch schwenkte dann zu den morgigen Maßnahmen über, mittlerweile war auch das dritte Bier und somit unser Vorrat an diesem zu Ende. Jetzt wurde ein Hiwi aus der Polizeistation herbeigeordert, der, auf unsere Kosten versteht sich, Nachschub holen musste.
Es war schon weit nach neun Uhr, als sich der Polizeichef in dem gefälligen Bewusstsein, die armen ausgeraubten Europäer getröstet zu haben, in seinen Jeep setzte und davonbrauste.

Wir mussten zwei oder drei Tage in Limbe bleiben um alle Formalitäten zu erledigen. Das Städtchen hat nicht viel Interessantes zu bieten, aber den Zoobesuch möchte ich noch erwähnen.
Dieser, nämlich der Zoo, ist klein und bei unserem Besuch war kein Personal außer dem vielleicht 12-jährigen Sohn des Direktors anwesend. Dieser führte uns herum. Tiere gab es nicht allzuviel. Verschiedene Vögel und Reptilien, ein paar Antilopen, alles einheimische Arten.
Dann erreichten wir die Attraktion des Zoos, die Affenkäfige.
Und das ist wörtlich zu verstehen. Unter einem Wellblechdach, das vielleicht nicht einmal sechs Quadratmeter abdeckte, waren, durch eine massive mittige Wand getrennt und nach den drei anderen Seiten mit stabilen Stahlstangen geschützt, zwei große Affen untergebracht. Derjenige den wir zuerst erreichten, gehörte nicht zu den Menschenaffen. Dieses Tier schien sein trauriges Los ergeben hinzunehmen. Es streckte, um Futter bettelnd, seine Hand aus. Von diesem traten wir zur anderen Seite des Häuschens.
"Vorsicht, nicht zu nahe herantreten!"
Diese Warnung kam beinahe zu spät. Blitzschnell hatte der Bonobo, denn ein solcher war es, seine kräftige Pranke durch das Gitter gesteckt, seine Fingerspitzen schwebten 2-3 Zentimeter vor dem Gesicht meiner Begleiterin und angestrengt versuchte er seinen Arm noch näher zu bringen. Mit blutunterlaufenen, haßerfüllten und wahnsinnigen Augen funkelte er uns an.
"Mein Vater musste schon einmal solch einen Affen erschießen, weil er einen Menschen angefallen und schwer verletzt hat! Die sind böse."
Es war kein Wunder, daß der Bonobo wahnsinnig geworden war, ein solch von Natur aus geselliges, intelligentes und aktives Tier in einen Käfig zu stecken in dem er nicht einmal genug Platz hatte sich auszustrecken.
Jahr für Jahr!
So sehr der Tod für diese Kreatur auch eine Erlösung bedeutet hätte, wünschte ich ihm doch ein langes Leben, denn er würde sofort durch einen anderen Bonobo ersetzt, der die gleiche grausame jahrelange Folter über sich ergehen lassen wird und es würde mich nicht wundern, wenn dort in diesem Käfig in Limbe, Kamerun auch heute noch ein verrückt gewordener Bonobo sitzt.

weiter...

© Peter Engelhardt 2005

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