Nachdem wir den Überfall bei der Polizei gemeldet
hatten, wurde diese sofort aktiv. Wir mussten mit dem
Rollkommando der zusammengetrommelten Polizisten durch
alle einschlägigen Bar´s und Kneipen des Städtchens, ob
wir jemanden erkennen würden. Einige Wirte und Gäste
wurden scharf befragt - natürlich erfolglos.
Wir kamen uns etwas komisch vor, mit einem
Polizeiaufgebot durch die Wirtschaften zu marschieren und
die Leute zu betrachten, besuchten wir doch sonst in
Westafrika eben solche Kneipen mit guter afrikanischer
Musik und jungem Publikum wenn wir des Abends einen
Trinken wollten. Wir waren demzufolge froh, als diese
unnütze Aktion für beendet erklärt wurde, wenngleich es
uns natürlich lieber gewesen wäre, wir hätten Erfolg
gehabt. Von der Polizei bekamen wir die Order, im Hof der
Polizeistation zu kampieren, es war schon fast sechs Uhr
und begann zu Dunkeln.
Also machten wir was wir immer taten, wir packten unseren
Benzinkocher aus und entzündeten ein Lagerfeuer, an dem
wir nach dem Essen auf den Schreck ein gutes, starkes,
kamerunisches Bier trinken wollten.
Mit zur Polizeistation gehörte das lokale Gefängnis, das
aus zwei länglichen, eingeschossig gemauerten Häusern mit
winzigen vergitterten Fenstern bestand. Diese Häuser
waren im rechtem Winkel angeordnet und zusätzlich durch
die Umfassungsmauer der Polizeistation gesichert,
innerhalb derer auch wir uns befanden.
Wir waren gerade beim Essen, als aus der ersten Zelle
laut scheltende Worte kamen, unmittelbar darauf gefolgt
von lautem Klatschen und Wehgeschrei. Dieses währte eine
Weile, dann wurde es in der Zelle wieder ruhig, jedoch
wiederholte sich diese Prozedur in der Zelle Nummer 2,
dann in Nummer 3, Nummer 4, Nummer ....
Die armen Kerle! Offenbar wollten uns die Polizisten
demonstrieren, daß die Behörden in Kamerun einiges gegen
das Verbrechertum unternehmen.
Und das taten sie!
Wir waren natürlich nach dem Überfall auf Kriminelle
nicht gut zu sprechen, aber das ging doch entschieden zu
weit. Die Insassen des örtlichen Knast´s hatten
schließlich ein hieb- und stichfestes Alibi!
Mit großer Wahrscheinlichkeit stammten die Banditen aus
der etwa 100 Kilometer entfernten und bei weitem größten
Stadt des Landes, aus Douala. Es kann allerdings sehr
unangenehm werden, sich in die Angelegenheiten der Organe
eines fremden Staates zu mischen in dem man zu Gast
ist.
Als die Polizisten mit ihrer "Arbeit" und wir mit unserem
Essen fertig waren, kamen der Polizeichef und sein
Adjutant an unser Feuer. Wir boten ihnen Platz und Bier,
was sie gerne annahmen.
"Leider hatten wir keinen Erfolg bei unseren
Vernehmungen" meinte der Polizeichef, "und es steht zu
vermuten, daß die Gangster aus dem nahen Nigeria
sind."
"So werden wir unser Geld wohl nicht mehr
wiedersehen!"
Er nahm einen kräftigen Schluck aus der
Bierflasche.
"Nun, das kann man jetzt noch nicht sagen, wenn es
wirklich Verbrecher aus Limbe waren, dann werden wir sie
kriegen!"
"Sie haben die Leute im Gefängnis verprügelt, warum haben
sie denn das getan, die waren es doch nicht" meinte
Elly.
"Haha", und er machte eine Bemerkung in einer lokalen
Sprache über die naiven Europäer zu seinem Adlatus.
"Sehen sie, hier in Afrika gibt es noch sehr viele
ungebildete Leute. Man kann die Verhältnisse nicht mit
dem hochzivilisierten Europa vergleichen, diese Kerle
müssen hart angepackt werden, eine andere Sprache
verstehen die nicht!"
Mittlerweile war die erste große Flasche des Starkbieres
leer, und die Zweite wurde geöffnet.
"Die Deutschen waren die ersten, die Zivilisation in
unser Land gebracht haben und sehr vieles aus unserer
Infrastruktur stammt noch aus jener Zeit. So zum Beispiel
das Wassernetz in Limbe. Seit 1907 steht oben auf dem
Hügel die von den Deutschen installierte Wasserpumpe,
seit mehr als siebzig Jahren macht die Pumpe Tock-Tock
Tock-Tock ..." wobei er abwechselnd die beiden
Zeigefinger im Takt auf- und ab bewegte "und
versorgt unsere Stadt mit gutem Wasser!"
Er fuhr fort, das hohe Lied der Deutschen zu singen und
mittlerweile waren wir bei Flasche Nummer Drei
angekommen.
Das Gespräch schwenkte dann zu den morgigen Maßnahmen
über, mittlerweile war auch das dritte Bier und somit
unser Vorrat an diesem zu Ende. Jetzt wurde ein Hiwi aus
der Polizeistation herbeigeordert, der, auf unsere Kosten
versteht sich, Nachschub holen musste.
Es war schon weit nach neun Uhr, als sich der Polizeichef
in dem gefälligen Bewusstsein, die armen ausgeraubten
Europäer getröstet zu haben, in seinen Jeep setzte und
davonbrauste.
Wir mussten zwei oder drei Tage in Limbe bleiben um
alle Formalitäten zu erledigen. Das Städtchen hat nicht
viel Interessantes zu bieten, aber den Zoobesuch möchte
ich noch erwähnen.
Dieser, nämlich der Zoo, ist klein und bei unserem Besuch
war kein Personal außer dem vielleicht 12-jährigen Sohn
des Direktors anwesend. Dieser führte uns herum. Tiere
gab es nicht allzuviel. Verschiedene Vögel und Reptilien,
ein paar Antilopen, alles einheimische Arten.
Dann erreichten wir die Attraktion des Zoos, die
Affenkäfige.
Und das ist wörtlich zu verstehen. Unter einem
Wellblechdach, das vielleicht nicht einmal sechs
Quadratmeter abdeckte, waren, durch eine massive mittige
Wand getrennt und nach den drei anderen Seiten mit
stabilen Stahlstangen geschützt, zwei große Affen
untergebracht. Derjenige den wir zuerst erreichten,
gehörte nicht zu den Menschenaffen. Dieses Tier schien
sein trauriges Los ergeben hinzunehmen. Es streckte, um
Futter bettelnd, seine Hand aus. Von diesem traten wir
zur anderen Seite des Häuschens.
"Vorsicht, nicht zu nahe herantreten!"
Diese Warnung kam beinahe zu spät. Blitzschnell hatte der
Bonobo, denn ein solcher war es, seine kräftige Pranke
durch das Gitter gesteckt, seine Fingerspitzen schwebten
2-3 Zentimeter vor dem Gesicht meiner Begleiterin und
angestrengt versuchte er seinen Arm noch näher zu
bringen. Mit blutunterlaufenen, haßerfüllten und
wahnsinnigen Augen funkelte er uns an.
"Mein Vater musste schon einmal solch einen Affen
erschießen, weil er einen Menschen angefallen und schwer
verletzt hat! Die sind böse."
Es war kein Wunder, daß der Bonobo wahnsinnig geworden
war, ein solch von Natur aus geselliges, intelligentes
und aktives Tier in einen Käfig zu stecken in dem er
nicht einmal genug Platz hatte sich auszustrecken.
Jahr für Jahr!
So sehr der Tod für diese Kreatur auch eine Erlösung
bedeutet hätte, wünschte ich ihm doch ein langes Leben,
denn er würde sofort durch einen anderen Bonobo ersetzt,
der die gleiche grausame jahrelange Folter über sich
ergehen lassen wird und es würde mich nicht wundern, wenn
dort in diesem Käfig in Limbe, Kamerun auch heute noch
ein verrückt gewordener Bonobo sitzt.
© Peter Engelhardt 2005