

Joachim hatte in weiser Voraussicht einen Ersatzmotor
dabei. Dieser sollte am nächsten Tag eingebaut werden.
Also von einer Werkstatt in die andere. Der Erste hatte
den notwendigen Wagenheber, der Zweite den passenden
36'er Schlüssel, den er aber nur verkaufen, nicht
vermieten wollte und das für 6.000 CFA (damals: 120.-FF
oder 52.-DM)! So verging fast der ganze Morgen mit
erfolglosen Verhandlungen.
So machten wir uns am späten Vormittag des 21.11.1980
unverrichteter Dinge auf den Weg nach In Gall. Nach 40
Kilometer war die Straße gesperrt und auf eine Piste
umgeleitet. Ich wagte den Vorschlag, die Teerstraße so
weit als möglich zu benutzen, doch wurde das in Grund und
Boden geredet. Ursache dieser Mehrheitsentscheidung war,
daß unsere Karte schon sechs Jahre alt war und davon
ausgegangen wurde, daß die als geplant verzeichnete
Teerstraße noch im Bau und deshalb gesperrt war. Die
Piste war miserabel und es dauerte lange bis wir In Gall
erreichten. Ab und an begegneten uns schwertbewaffnete
Einheimische, ein Bild wie im Mittelalter. Nach der
Polizeiroutine durchquerten wir den Ort und suchten uns
einen Lagerplatz, wo als Besuch ein Bauer auftauchte, den
wir zum Tee luden. Überall lagen harte lange Dornen
zwischen den Bäumen und Büschen am Boden verstreut, die
ohne weiteres die Sohlen unserer Badelatschen
durchstießen.
Je weiter wir am nächsten Tag der Piste nach Tahoua
folgten, um so schlechter wurde diese, teilweise mit
weichen Sandfeldern, schwieriger als in der Sahara, da
die Fahrbahn durch Bäume begrenzt und tiefe LKW-Spuren in
den Sand gegraben waren. Die Sandbleche kamen wieder
öfter zum Einsatz. Große Umwege mußten an Trockentälern
und trockenen steilen Bachbetten gemacht werden um eine
passierbare Stelle zu finden und so langsam wurde der
Sprit knapp. Nie jedoch begegneten uns Fahrzeuge, was
trotz des allgemein sehr seltenen Verkehrs seltsam
war.
Nur wenige Dörfer lagen am Weg, die Menschen schienen
hauptsächlich von der Viehwirtschaft zu leben. Ihre
Rinder hatten gewaltige meterlange Hörner und mir wurde
einmal mulmig als wir ohne Frontscheibe eine große Herde
durchqueren mußten, doch erwiesen sich die Rindviecher
als nicht sehr schreckhaft. Es dämmerte schon fast, als
ich links eine geteerte Fläche bemerkte. Ich dachte erst
an einen Flugplatz und äußerte meinen Verdacht. Doch
hatten wir die, damals für einige Jahre aus politischen
Gründen nicht mehr erhältliche, berühmte Michelin-Karte
dabei und dort war kein solcher verzeichnet. Jetzt erst
fiel der Groschen, das war die Teerstraße welche die
ganze Zeit wenige Kilometer parallel neben der Piste
herlief! Auf diese bogen wir jetzt natürlich ab und
erreichten nach kurzer Zeit ein Dorf.
Dort waren die Europäer die Attraktion des Tages, vor
allem für die Kinder, aber auch für drei im Gesicht
tätowierte junge Frauen, die unbedingt mit uns nach
Tahoua fahren wollten. Diese traten sehr resolut auf, die
Jungmannen hatten großen Respekt vor ihnen, ein
Betroffener beschwor eine der Damen sogar unter Tränen,
nicht mitzufahren. Deren sexuelle Abenteuerlust war
unverkennbar.
Und ich dachte, der Niger sei ein muslimisches Land in
dem die Frauen nur eine dienende Rolle zu spielen
hätten!
Wir nahmen sie zur großen Erleichterung der jungen Männer
dann doch nicht mit, vor allem unsere weiblichen
Gefährten waren dagegen. Jedoch trieben wir einen großen
Kanister voller Benzin auf, was sehr wertvoll war.
Einige Kilometer außerhalb des großen Dorfes wurde zur
Nacht gelagert und bald waren etliche Zuschauer da,
obwohl kein Haus zu sehen war.
Auf der Teerstraße erreichten wir schnell Tahoua, eine
Stadt mit damals etwa 40.000 Einwohnern. Tanken und die
übliche polizeiliche Anmeldung. Unsere Sorge galt nach
wie vor dem Motor. Ein Garagenbesitzer wollte 30.000 CFA
für die Benutzung, ging dann aber auf 4.000 herunter. Das
war uns noch zu teuer und wir suchten weiter, fanden aber
nichts Vernünftiges, also zurück zum Ersten, diesmal für
5.000 CFA oder gar nicht.
O.K!
Der Motor wurde aus und auseinander gebaut, ein
Ölabstreifring war kaputt. Naja, wir hatten ja den
Ersatzmotor, aber die Halterungen dieses Motor´s passten
leider nicht zu den Anschlüssen unseres Fahrzeuges. Der
Versuch den Abstreifring provisorisch zu reparieren
führte zu dessen völligen Zerstörung. Jetzt war guter Rat
teuer, denn die Kolben des Ersatzmotors hatten einen
anderen Durchmesser. Wir versuchten den Ersatzmotor dem
Garagenbesitzer anzudrehen, doch der wollte nicht. An der
Werkstatt traf jetzt ein deutscher Afrikafahrer ein,
dieser hatte die ganze Strecke Agadez - Tahoua auf der
Teerstraße in einem Tag zurückgelegt, er hatte nur einige
eingestürzte Brücken zu umfahren, wie er
berichtete.
In mir drängte sich jetzt ein Verdacht auf:
Bei Arak in Algerien, mitten in der Wüste steht das Grab
eines Marabout, den nach altem Brauch jeder Saharafahrer
dreimal umrunden muß. Der Fahrer unseres Fahrzeugs hatte
jedoch seine Schwierigkeiten bis Drei zu zählen ;-) ,
also fuhr er viermal um das Grab. Sollte das die Ursache
unserer Probleme sein?
Fast könnte man dies glauben, waren doch die Insassen
dieses Fahrzeugs während unserer Afrikareise stets von
allen Unglücken am stärksten betroffen! Schon in der
algerischen Sahara war unserem Fahrer ein sehr großer
grauer Skorpion mit nach oben gebogenem Schwanz zwischen
den nackten Füßen hindurch und auf das Feuer zu
gekrabbelt, viele Stunden von der nächsten Ansiedlung
entfernt.
Bruno wollte unseren VW nach Birni N'Konni ziehen. Es
war bereits Nacht, als sich unser Schleppzug in
Bewegung setzte. Uns flogen jedoch im Fahrerhaus
Steine von teils beträchtlicher Größe um den Kopf.
Ständig kreuzten Nutztiere, denen die Vorderbeine
zusammengebunden oder denen ein Vorderbein am Knie nach
oben gebunden war, und die sich deshalb nur langsam
fortbewegen konnten, die Fahrbahn, oft vor Schreck auch
noch in die falsche Richtung humpelnd. Kurz, es hatte
keinen Sinn und so lagerten wir nach 20 Kilometern.
Wir erreichten das nur wenige Kilometer vor der Grenze zu
Nigeria liegende Birni N'Konni am späten Morgen des
nächsten Tages. Gegen den Steinschlag war eine starke
Plastikplane gespannt worden, was freilich auch die Sicht
stark beeinträchtigte, man konnte nur schemenhaft das
ziehende Fahrzeug und dessen Bremslichter erkennen. Doch
war dies Aufgrund des erwähnten sehr seltenen Verkehrs
nicht so risikobehaftet wie man als bundesdeutscher
Autofahrer vielleicht denken könnte. Unser Schleppzug
fuhr sehr langsam und während der Fahrt begegneten uns
zwei oder drei Fahrzeuge. Erst nahe Birni N'Konni war
etwas mehr Verkehr, und am Ortsrand hielten wir an.
Im Nu waren wir wieder von einer lärmenden Kinderschar
umringt:
"Cadeau! Cadeau! Tourist! Tourist!"
Ich blieb mit Elly bei unserem Fahrzeug während das
andere auf Werkstattsuche ging. Endlich kamen sie mit
guten Nachrichten zurück. Ein Garagenbesitzer brauchte
einen VW-Motor und er könne uns Kolbenringe aus Nigeria
besorgen. Der Pritschenwagen wurde in die Werkstatt
geschleppt und man einigte sich, den Motor für 25.000 CFA
plus Ersatzteile gratis zu verkaufen. Ein Junge wurde
nach Nigeria geschickt um die Ringe zu besorgen und jetzt
hieß es abwarten.
© Peter Engelhardt 2005