



In Pokhara blieben wir die erste Nacht im Ort selbst,
der damals wohl kaum viel mehr als zwanzigtausend
Bewohner zählte. Als ich morgens die Augen aufschlug,
blickte ich direkt einer Maus ins Gesicht, die 5
Zentimeter vor meiner Nase auf dem Bett saß. Ich zuckte
zusammen und sie verschwand blitzartig.
Wir begaben uns an den ein paar Kilometer entfernten See,
um einen Bungalow zu mieten. Hier gab es viele
Restaurants und Lodges. Wir fanden schnell das passende,
das "Trekkers Retreat", holten unser Gepäck mit
gemieteten Fahrrädern und zogen ein. Wir wollten etwa 2
Wochen hier bleiben, uns Geld nach Kathmandu überweisen
lassen, wofür wir etwa 10 Tage rechneten und uns dann auf
den Heimweg machen. Wenn wir unterwegs keine großen
Aufenthalte einlegten, konnten wir noch vor Jahresende zu
Hause sein.
Zunächst genossen wir die angenehme Atmosphäre des Ortes
und die schöne Aussicht auf das gigantische
Annapurna-Massiv mit dem prägnanten Machapuchare und
machten beinahe täglich Bootsfahrten mit einem gemietetem
Einbaum auf dem Stausee.
Das Essen in den Restaurants war ganz auf die vielen
westlichen Besucher abgestimmt und dankbar nahmen wir
dieses Angebot wahr. Als Snack zwischendurch gönnten wir
uns öfters Obstsalat aus Guajaven, Papayas, Mandarinen
und Bananen und zum Frühstück gab es Kaffee, Müsli,
gebratene Eier mit Toast und süße Pfannkuchen. Ein
Restaurant bot sogar chinesische Küche und zum ersten Mal
aß ich dort Chop Suey, doch auch "Vienner Shnitzel" war
hier zu haben.
Nur selten tranken wir abends in den Restaurants
nepalesisches Bier, da dieses verhältnismäßig teuer war,
doch lernten wir trotzdem viele Traveller (als solche
betrachteten auch wir uns) kennen. Etliche Westler waren
auch mit dem Flugzeug nach Nepal gereist und wir, die als
"echte Indienfahrer" die Mehrheit bildeten, betrachteten
diese Touristen ziemlich herablassend. Die wenigen
Pauschaltouristen, die gelegentlich Pokhara über den
kleinen Flugplatz ansteuerten, waren als "Neckermänner"
natürlich vollends unten durch und wenn junge Nepalesen
Deutsche ärgern wollten, titulierten sie diese als
"Neckermänner", obgleich sie wahrscheinlich nicht die
mindeste Ahnung hatten, was das eigentlich war.
Auch einen jüngeren Kripobeamten aus Ulm an der Donau,
der sich hier "inkognito auf Urlaub" umschaute was seine
"Kundschaft" in diesem mystifizierten Nepal eigentlich so
trieb, lernten wir kennen.
Mehrere Shops boten Hippieklamotten feil und eine kleine aus Indien eingewanderte Schneiderfamilie bot den Touristen sogar maßgeschneiderte Kleider an, frisch parfümiert durch den Urin ihres etwa zweijährigen Sohnes, der nackt und fröhlich über die weichen Stoffballen ihres einzigen Zimmers krabbelte.


Trekking kam zwar aufgrund meines Herzfehlers nicht in
Frage, doch kletterte Werner in den Hügeln herum. Ich
spazierte lieber durch den ebenen Teil des Tales. Es gab
viele Papayabäume, Bananenstauden und andere
Fruchtpflanzen, vor allem aber Reisfelder.
Nutzvieh nur Wasserbüffel, Kühe, Hühner und einige
Ziegen.
In den Ästen der Bäume hatten überall riesige, aber
anscheinend harmlose Spinnen* ihre gewaltigen
Netze gespannt.
Bei einer Bootsfahrt begegneten wir einer schwimmenden
Kobra, die eine Bucht des Sees überquerte. Das war die
einzige Schlange die ich auf dieser Reise sah.
Ich hatte mir in Kabul "Die Jugend des Königs Henri Quatre" von H. Mann gekauft und nun Muße zum lesen. Außerdem gab es einen Buchshop mit gebrauchten Büchern, auch deutschsprachige. Nachmittags nahmen wir Kaffee und Kuchen am See, kurz, erholsame Wochen bis wir am 8. Dezember 1977 nach Kathmandu aufbrachen, jene Stadt auf die ich sehr gespannt war und von der ich so viel gelesen hatte.
* Es handelte sich um Seidenspinnen
