Im Südwesten des zum allergrößten Teil nur wenige
Meter über dem Meer liegenden Landes Bangladesh erstreckt
sich, die indische Staatsgrenze überschreitend, auf einer
riesigen Fläche das Delta der Ströme Ganges und
Brahmaputra.
Der südliche Teil dieses mit aberhunderten Wasserarmen
durchzogenen Schwemmlandes, in dem damals noch Tiger
lebten, wird Sundarbans (bengalisch: Schöner Wald)
genannt.
Wir waren aus dem Südosten des Landes, von einem
Badeurlaub am 150 Kilometer langen Sandstrand bei Cox`s
Bazar zurückkehrend, wieder in der Hauptstadt Dhaka
(Dacca) angekommen. Nach sieben Stunden Busfahrt von
Chittagong und zwei Stunden Hotelsuche quartierten wir
uns schließlich im YWCA-Gästehaus ein, in dem wir die
einzigen Gäste waren. Dort durften wir bleiben, weil wir
uns als Ehepaar ausgaben.
Wir, meine Begleiterin und ich, hatten während unseres
Strandurlaubs ebendiese Sundarbans zu unserem nächsten
Reiseziel erkoren. Deshalb wollten wir an Neujahr
diese Reise vorbereiten.
Heute war der letzte Tag des Jahres 1979, und nach einem
kurzen Stadtbesuch, bei dem wir zu Abend aßen, legten wir
uns schlafen.
Morgens gab es ein gutes Frühstück europäischer Art im
Gästehaus. Dieses ist erwähnenswert weil sonst Bangladesh
nur für ausgewiesene Fischliebhaber kulinarisch
interessant ist, gibt es Fisch doch zusammen mit Reis zu
allen drei Mahlzeiten. Selbst Gemüse war außerhalb der
Hauptstadt nur selten in den billigen Restaurants zu
bekommen.
Auf dem Touristenbüro holten wir uns das erhältliche
Informationsmaterial über unser Reiseziel, dort erfuhren
wir auch, wo wir die Tickets für das Linienschiff
erhalten könnten. Dorthin begaben wir uns, nämlich zum
BIWTC der "Bangladesh Inland Water Transport
Cooperation", wo wir Fahrkarten 1.Klasse ab dem Hafen
Barisal lösten, denn nur in dieser Klasse gab es
Kabinen.
In der Stadt sahen wir Gruppen entsetzlich
verkrüppelter Bettler, einer hatte drei Arme, drei Beine
und eine schreckliche Geschwulst ragte aus seinem Bauch.
Vor allem vor der großen Moschee lagen viele, einen
rhythmischen Singsang, vermutlich Gebete, aufführend auf
dem Boden und verlangten, fast aggressiv, von den
Vorübergehenden Geld. Ein Zücken des Fotoapparates hätte
hier üble Folgen haben können.
Die mildtätigen Moslems gaben reichlich und am Ende des
Tages hatten die Bettelnden bestimmt den mehrfachen
Betrag eines Tagelöhnerverdienstes in der Tasche. Gedankt
wurde den edlen Spendern nicht, ist es doch die Pflicht
jeden Moslems, die unschuldig in Not geratenen Armen zu
unterstützen. Nicht selten werden eigene oder gekaufte
Kinder auf dem Subkontinent gräßlich verstümmelt um als
Bettler eine desto größere Tageseinnahme zu
haben.
Zurück im YWCA staunten wir, der Koch servierte:
Tomatensuppe, Schmorbraten, Kartoffeln, Gemüse, Reis und
Salat! Bei dieser Verpflegung viel es uns leicht, den
nächsten regnerischen Tag zu überbrücken, denn erst
übermorgen ging unser Schiff.
An diesem Tag um 9 Uhr kaufte ich am
Hafen lächerlich billige Fahrkarten 3. Klasse nach
Barisal (für 4 Taka und 20 Paisa pro Karte, damals
ziemlich genau 40 Pfennige) und unser einst
chinesisches Schiff, wie wir an den zwar stets
übermalten aber immer noch sichtbaren eingeprägten
Schriftzeichen erkennen konnten, legte um 10:30 Uhr ab.
Wir feundeten uns mit ein paar Passagieren an, der Fluß
wurde schnell immer breiter, so daß schließlich auf der
linken Seite gar kein Ufer mehr zu sehen war. Das
Fahrwasser was sehr belebt. Segel- und Motorgetriebene
Fischkutter und Lastkähne, kleine und große Fähren und
eine Unzahl kleiner geruderter Fischerboote begegneten
uns. Nach Sonnenuntergang fuhren wir wieder durch
kleinere Wasserarme, wie im Licht der grellen
Schiffscheinwerfer zu sehen war. Als Europäern wurde uns
erlaubt, im 1.Klasse Restaurant zu speisen. So gegen 10
Uhr erreichten wir Barisal, wir bezogen unsere Kabine, da
wir ab jetzt erstklassig reisten und erreichten Khulna am
nächsten Tag um 12 Uhr. Das Schwemmland das wir
durchquert hatten war zum größten Teil dicht mit Feldern,
Kokospalmen und Dörfern besetzt, erst in der Nähe von
Khulna zeigte sich Wald. Mäandrierende Wasserläufe gab es
jedoch überall in verwirrender Menge.
© Peter Engelhardt 2005