


Es ist heute der erste Festtag und es herrscht ein
reges Kommen und Gehen.
Sitzplätze in einem der Zubringer-Busse zu erhalten ist
während dem Kartik Purnima unmöglich.
Pushkar ist kaum mehr wieder zu erkennen. Am
Bushalteplatz Teeverkäufer an Teeverkäufer. Am Weg liegen
weiß bemalte Bettler mit seltsam verrenkten und
verstümmelten Gliedmaßen.
Dann eine Szene wie aus einem Horrorfilm.
Ein etwa fünfjähriger Junge in einem kleinen Wägelchen.
Auf dem Kopf, über den entsetzten Augen, eine Krone aus
Goldpapier. Die Beine und Hände mit blutigen, schwarz
verdreckten Binden zugeschnürt. Es sieht fast so aus, als
hätte man dem Kind die Finger abgeschnitten. Geschoben
von einer auf dem Boden kriechenden Frau, die ständig
Klagelaute ausstößt, schreitet ein Erwachsener nebenher
und sammelt von der ehrfürchtigen Menge, die das Kind für
eine Inkarnation Shiva´s oder Brahma´s hält, Spenden ein.
Die Stimmung der Menge ist fanatisch, ja aggressiv.
Zunächst müssen wir für eine Unterkunft sorgen. Vor
unserem ehemaligen Hotel ist der Treffpunkt der Weißen,
Auto- und Rucksackreisende. Eine Teestube und Zelte sind
während der Pushkar Mela aufgestellt, in denen es
Schlafplätze zu mieten gibt, aber wir kommen nach einigem
Hin und Her für 6 Rupien (1,30DM) pro Nacht auf dem Dach
eines Privathauses im Ort unter. Es ist bereits Abend und
wir können uns ohne Angst vor Dieben, welche natürlich
auch von diesem Trubel angelockt werden, zur Ruhe
legen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe erkunde ich den
Festplatz der Pushkar Mela.
Zuerst gehe ich auf den weitläufigen Camel-fair, wo sich
die rajestanische Landbevölkerung aufhält. Die Männer mit
roten, gelben und weißen Turbanen, deren Farbe eine
symbolische Bedeutung hat. So ist Rot z.B. die gute
glücksverheißende Farbe, Grün ist die Farbe der Trauer,
diese ist allerdings kaum zu sehen, da Trauernde sich ein
Jahr lang aller Vergnügungen enthalten müssen.
So weit das Auge reicht, eine riesige Zahl an Nutzvieh.
Nicht nur Kamele, wie der Name suggeriert, sondern auch
Rinder, Pferde und Esel, der Camel-fair ist also eher
allgemein ein Viehmarkt der Bauern. Dennoch ist der Name
berechtigt, denn die Kamele sind am Eindrucksvollsten.
Ich erkundige mich, ein gutes Reitkamel kostet 2500-3000
Rupien (damals etwa 550,- bis 670,- DM). Ich halte das
für einen realistischen Preis, denn sicherlich erwartet
mein Auskunftgeber von mir nicht, daß ich sein Kamel
kaufe, um damit nach Hause zu reiten.
Es ist noch früh am Tag und manche Händler geben ihren
Kamelen mit der Schere den letzten Schliff. Sehr viele
Tiere sind bemalt, die Zugochsen tragen bunte Hörner, ein
Kamel sehe ich sogar, dem ein richtiges Reliefbild ins
Haar rasiert ist, vermutlich um einen höheren Preis zu
erzielen.
Ich lenke meine Schritte zum Vergnügungspark.
Hier hält sich hauptsächlich die städtische Bevölkerung
auf.
Die Schausteller haben zwei Riesenräder, die beide nicht
sehr vertrauenerweckend aussehen, aufgebaut.
Zirkusbetreiber mit ihren aufgestellten Zelten, Los- und
Schießbuden dürfen natürlich auch nicht fehlen, sogar ein
Todesfahrer hat eine Wand errichtet, die er mit dem
Motorrad befährt. Überall dröhnen Lautsprecher und
erklingt indische Schlagermusik - während der Pushkar
Mela scheint die Rupie lockerer zu sitzen als
sonst.
Es ist ein Rummel wie auf einem deutschen Schützenfest,
nur nicht so modern, dafür aber viel billiger.
So langsam meldet sich mein Magen und ich gehe in den
Ort, wo ich als Frühstück Lassi trinke und mich etwas
ausruhe bevor ich mich wieder auf den Weg zum Viehmarkt
mache. Auf dem Weg dorthin Schlangenbeschwörer und ein
"Asket" der auf einem Bett aus Dornenzweigen "schläft",
dabei jedoch genau auf die hingeworfenen Paisa-Geldstücke
achtet.
Dann ein Schock, ein Bettler mit entsetzlich entstelltem
Gesicht.
Ich mache einen kleinen Umweg über das "Peacock Village",
ein Zeltdorf der "besseren Gesellschaft", in dem die
Übernachtung stolze 80 Rupien kostet und das während der
Pushkar Mela auch ein paar Dutzend organisierte Touristen
beherbergt und verköstigt.
Auf dem Viehmarkt herrscht jetzt reges Treiben. Kamele
und Pferde werden Probe geritten, Ochsen begutachtet, es
wird gehandelt und gefeilscht.
Indische Zahnausreißer warten auf einem ausgebreiteten
Tuch auf ihre Opfer, ein paar reiche westliche
Pauschaltouristen gehen, genau wie ich, auf
Fotojagd.
Dazwischen einige Zelte in denen Tee ausgeschenkt wird.
In einem davon lasse ich mich nieder und esse von dem
Zuckerrohr, das mir ein rajasthanischer Bauer anbietet.
Ungewöhnlich ist, daß die Leute würdevoll und nicht
neugierig sind, wird man in den Städten doch sonst
überall nach allem Möglichen und Unmöglichen
gefragt.
Je abgelegener diese Städte sind, desto häufiger, ja dort
ist es nicht ungewöhnlich, daß sich gar Leute vor einen
auf die Straße stellen und Grimassen schneiden. Mehr als
einmal habe ich zu meiner Befriedigung auch erlebt, daß
Shiva die Neugierigen bestrafte, indem er sie vor lauter
Glotzen gegen eine Laterne oder sonst ein Hindernis
laufen ließ.
Mittlerweile habe ich einfache Redewendungen und die
Zahlen in Hindi gelernt und bestelle Tee, nicht ohne
vorher zu fragen, was der koste.
"40 Paisa!" antwortet der Wirt, da uns alle verstehen
können, ich gebe ihm eine Rupie und warte auf den Tee und
das Wechselgeld.
Der Wirt aber ist geschäftstüchtig und bringt nur 50
Paisa Wechselgeld. Das sei "Special-Tea" und der koste
50!
So nicht! Ich verfolge ihn an die Theke und verlange
meine 10 Paisa.
Die Aufmerksamkeit aller ist auf uns gerichtet und da er
nicht als Schlitzohr dastehen will, rückt er die 10 Paisa
raus.
Das bringt mir die Anerkennung des Publikums.
Nach dem Genuß des Milchtee's verabschiede ich mich von
den Bauern und sehe mich weiter um. Jede Nutztierart
konzentriert sich an bestimmten Plätzen. Am zahlreichsten
sind schon Kamele, aber auch Wasserbüffel und Zugochsen
gibt es viele. Abgesondert und mit Matten vor der Sonne
geschützt werden Milchkühe, Schafe und Geflügel
verkauft.
Ich bin müde und begebe mich nach Pushkar zurück, setze
mich dort auf die Stufen eines Tempels, der von teuer
bekleideten Leuten frequentiert wird. Vor mir sitzen
viele Bettler auf dem Boden, jedoch ohne mich zu
belästigen. Nur ein verkrüppelter Junge will ein paar
Paisa, die er bekommt, sowie ein Kerl der mir Haschisch
andrehen will und leer ausgeht. Sowas könnte ich in
Rajasthan auch in lizenzierten Geschäften kaufen. Dann
zum Tourist Bungalow wo ich nochmals Tee trinke. Langsam
geht die Sonne unter, während ich mich mit anderen
Reisenden über die Eindrücke unterhalte, welche die
Pushkar Mela bis jetzt bei uns hinterlassen hat. Morgen
ist der Höhepunkt und letzte Tag des Kartik Purnima und
ich gehe früh schlafen.
In dieser Nacht stieg Brahma in den See und die
Pushkar Mela nimmt religiösen Charakter an. Am Morgen
herrscht im Städtchen ein unbeschreibliches Gewimmel, man
kommt kaum durch, die Menschen gehen dicht an dicht durch
die engen Gassen. Tausende drängen zum See. In der
Gassenmitte sind Seile gespannt, eine Seite ist für
diejenigen, die vom See kommen, die andere für uns, die
wir zum See geschoben werden. Pushkar hat normalerweise
3000-4000 Einwohner, heute sind 30000-40000 Menschen
hier. An den Gassenkreuzungen stehen ein paar völlig
überforderte Polizisten, die mit ihren langen
Schlagstöcken auf die Menschenströme einprügeln.
Als Europäer bekomme ich nichts ab.
Mein eigentliches Vorhaben, irgendwo eine Lassi zu
trinken, ist völlig unmöglich und ich werde mit zum See
geschwemmt - ob ich will oder nicht. Sooo interessant
sind die Gläubigen, die sich ins Wasser des Sees stellen,
um dann unter zu tauchen, aber nicht, es gibt auch hier
kaum Platz und so reihe ich mich in die Schlange der
Zurückströmenden ein.
Nichts wie raus aus Pushkar!
Auf dem Vergnügungspark gibt es endlich wieder Luft und
ich verschlinge sogleich 8 Bananen zum Frühstück. Jetzt
geht es mir wieder besser.
Auf dem Viehmarkt haben sich die Reihen merklich
gelichtet, viele Tiere wurden gestern verkauft.
Heute sind öffentliche Spiele angesagt und ich betrete
die zum Kartik Purnima errichtete Arena aus Brettern und
abgrenzenden Stangen. Als Weißer habe ich das Privileg
auf einen Tribünenplatz. Die rajestanischen Zuschauer
stehen dicht gedrängt hinter den Stangen und Pfählen, ja,
sie sitzen sogar auf den angrenzenden Bäumen.
Zur Eröffnung findet ein Wagenrennen von Frauen auf
schweren, kamelgezogenen Bauernwagen statt.
Dann folgt das lustige Spiel: Wie viele Leute passen auf
ein Kamel bevor es zusammenbricht?
Es folgen Reiterkunststücke des Militärs und ein
Kamelreiterrennen.
In der Arena treffe ich meine Begleiterin wieder und wir
gehen Tee trinken. Es ist bereits später Nachmittag und
meine Begleiterin will auf einem Kamel reiten, also
wieder zum Viehmarkt.
Die meisten Bauern rüsten sich zum Aufbruch. Wir suchen
uns das Kamel eines Bauern aus und die beiden reiten ein
paar Runden, während ich meine letzten Fotos schieße und
die Sonne sinkt. Als sie zurück sind, will er dann 25
Rupien, gibt sich aber am Ende mit 5 Rupien
zufrieden.
Wir gehen zurück in unser Quartier und treffen dort
unseren Bekannten. Jetzt heißt es erst mal ein paar
Stunden warten, der Leute wegen, welche schon seit dem
Nachmittag den Schauplatz der Pushkar Mela verlassen. Es
sind 18 Busse von und nach Ajmer eingesetzt, trotzdem
werden die Menschen nur langsam weniger und wir müssen
uns dann immer noch mit den Ellbogen unsere Plätze in dem
völlig überfüllten Bus erkämpfen.
Der Bahnhof von Ajmer ist total überlaufen, überall in
der Halle liegen Schlafende, auf den Bahnsteigen drängen
sich die Leute.
Die Züge sind ebenfalls hoffnungslos überbelegt, fast
sitzen auf den Dächern der Wagons mehr Leute als drinnen.
Als unser Zug einfährt, hat sich einer der vielen
Bahnhofshunde zwischen die hohen Bahnsteige verirrt und
rennt um sein Leben vor der dampfenden und zischenden
Lokomotive her, denn auch auf dem anderen Gleis steht ein
Zug - das könnte knapp werden.
Wir haben einen guten Platz gewählt und stehen direkt vor
einer Wagontür als der Zug hält. Unser Bekannter ist der
Erste, mit je einer Reisetasche über den Schultern hebt
er den Fuß - und wird von einem uralten bärtigen kleinen
Männchen mit Turban von hinten am Taschenriemen gepackt
und zu Boden gerissen. Wie eine Schildkröte liegt er auf
dem Rücken, mit den Armen und Beinen die Menge, die über
ihn hinwegdrängt, abwehrend. Die Zugpassagiere, die in
Ajmer aussteigen wollten, werden zunächst gar nicht aus
dem Zug gelassen sondern wieder zurückgeschoben. Es kommt
zum Gerangel und wieder werden Ellenbogen eingesetzt.
Endlich gelingt es auch uns den Zug zu besteigen. Drinnen
kann man sich nicht bewegen, würde ich ohnmächtig, bliebe
ich trotzdem stehen - immer noch drängen Leute nach. Eine
meiner Sandalen wird, ebenso wie meine Reisetasche,
kaputt gerissen und ich bekomme Platzangst. An Kontrolle
ist nicht zu denken, sicherlich sind die meisten
Passagiere Schwarzfahrer. Endlich, nach einigen
Haltestationen des Bummelzug´s, gibt es etwas Luft und
ich ergattere sogar einen unbequemen Sitzplatz, ein paar
Inder rücken zusammen und ein paar Zentimeter an der
Seite einer Bank werden frei.
Nach vier langen Stunden fährt unser Zug endlich morgens um Acht in Jaipur ein. Als Souvenir an das Pushkar Mela hat sich eine kleine Wunde an meinem Fuß entzündet, mein Lymphknoten ist angeschwollen, und ich begebe mich erst mal in einer Rikschaw zur Uniklinik, wo ich Antibiotika gegen meine Blutvergiftung erhalte während die anderen ein Hotel suchen.
© Peter Engelhardt 2005