


Es folgte ein Shopping-Tag.
Die Fülle der in Varanasi angebotenen Waren ist
ungeheuer, die Stadt ist auch als Handelszentrum weit
berühmt. Ihr Ruf als heiliger Platz machte sich in barer
Münze bezahlt. Viele Stunden streiften wir durch die zum
Teil engen Gassen der Bazare.
Silber- und Schmuckwaren, Stoffe und Handarbeiten,
Lampen, Batiken, Holz- und Keramikwaren in großer Fülle
warteten auf Interessierte, die sich zu langen
Preisverhandlungen bei dem in Indien unvermeidlichen
Milch-Tee in den Geschäften nieder ließen.
In den Gassen suchten auch die allgegenwärtigen dürren
Kühe Nahrung, welche sich entweder durch Abfall oder
durch Diebstahl an den Gemüsekarren über Wasser hielten.
Bei letzterem mußten sie in dieser tiefreligiösen Stadt
noch nicht einmal den Stock fürchten. Sogar die
muslimischen Straßenhändler hielten sich hiermit zurück,
um die Hindus nicht zu provozieren.
Wir befanden uns gerade in einer der dichtbevölkerten
kleinen Gassen unweit des Flußes, als eine dieser Kühe zu
urinieren begann. Eine Alte vor uns, in ärmlicher
bäuerlicher Kleidung, streckte die hohle Hand aus und
wusch sich mit dem Urin des heiligen Tieres das
Gesicht.
Selbstverständlich hielten wir unwillkürlich und mit
geweiteten Augen an. Ein jüngerer Inder in moderner
Kleidung, der uns und die Alte beobachtet hatte, zeigte
sich demonstrativ angewidert von dieser naiven
Gläubigkeit:
„Das ist nicht normal! Diese Frau ist verrückt!“
Doch hielt ich das alte Weib eher für eine kindlich
fromme Bäuerin aus einem abgelegenen Dorf, die nach
Varanasi gepilgert war. Vielleicht, um am Ufer des
heiligen Flußes auf Tod und Wiedergeburt zu warten.
Auch über die Saadus, die frommen Asketen von welchen es
in der Stadt eine große Zahl gab und die nicht mit den
Brahmanen, den Hindupriestern, zu verwechseln sind, waren
übrigens die Meinungen der Inder geteilt. Während viele
moderne Hindus diese schlicht für durchgeknallte Irre
beziehungsweise für arbeitsscheue oder rauschgiftsüchtige
Dummköpfe hielten, sahen andere in ihnen
verehrungswürdige Weise. Ich persönlich tendierte zur
ersteren Meinung.
Ein weiterer Vorfall an diesem Tag ereignete sich auf
einer breiteren Gasse. Eine Rikscha fuhr mir mit ihrem
Seitenrad heftig und schmerzhaft von hinten an Wade und
Kniekehle. Ich schrie auf und brüllte den Fahrer an, er
solle doch aufpassen, da ich an ein Versehen
glaubte.
Doch haßerfüllt funkelte mich der ärmlich mit einem um
die Hüften geschlungenen groben Tuch und einem löcherigen
Hemd bekleidete Mensch an. Um den Kopf hatte er ein Stück
Stoff geschlungen, welches ihn wohl als Muslim
kennzeichnen sollte.
Wir gingen weiter und bogen um eine Ecke, auf der anderen
Straßenseite wartete die Rikscha mit ihrem Fahrer. Ich
zwinkerte dem Mann kurz zu und ging weiter.
Doch erneut erfasste mich kurz darauf ein heftiger
Schmerz, diesmal hatte mich der Kerl so stark
angefahren, daß sich ein Stück meiner Haut abgeschürft
hatte und blaue Flecken zu sehen waren, wie ich später
bemerkte.
Ich rannte ihm hinterher, faßte ihn derb an der Schulter
und hielt ihm meine geballte Faust unter die Nase.
„Noch einmal und ich schlage dich tot, du verfluchter
Bastard!“
Zischte ich wütend, aber natürlich ohne wirklichen
Mordgedanken.
Der Moslem war vermutlich auf irgendeine Hetzpropaganda
hereingefallen. Doch in dieser heiligen Stadt gab es wohl
nicht nur einige fanatische Muslime, die Zerstörung einer
uralten Moschee bei Varanasi und tödliche Treibjagden auf
muslimische Inder in späteren Jahren sollten beweisen,
daß auch manche der Hindus durch „religiöse“ Führer
fanatisiert wurden.
Die Dummheit ist eben gerecht und gleichmäßig über alle
Religionen und Völker verstreut.
Denkbar war allerdings auch, daß der Mann eine negative
persönliche Erfahrung mit Ausländern gemacht hatte, aber
selbst in diesem Fall war es natürlich kein Zeichen hoher
Intelligenz, dafür Unschuldige verantwortlich zu
machen.
Der letzte Tag war dem vorbehalten was Varanasi oder
Benares im Westen berühmt gemacht hatte, den Riten der
Hindus am Ganges.
Um 6:30 hatten wir uns wecken lassen. Fast schon ein
bischen spät, wie sich herausstellte als wir kurz vor 7
Uhr den nahen Ganges erreichten, die Sonne ging gerade
auf (es war Ende November) und viele der Gläubigen hatten
den Tag schon mit einem Bad im heiligen Fluß begonnen.
Wir ließen uns zu einer Bootsfahrt überreden und der
Bootsmann ruderte uns zu einem Verbrennungsplatz.
Der dahinter gelegene Tempel war schwarz vom Rauch der
Feuer. Gerade eben wurde eine Leiche verbrannt und
zusammen mit unserem Führer erklommen wir die Stufen bis
an eine Mauer, welche etwas über der Plattform lag auf
der die Zeremonie statt fand. So waren wir nur ein paar
wenige Schritte von der schaurigen Stätte entfernt. Ein
Brahmane und Angehörige rezitierten Gebete.
Die Szene hinterließ in mir einen beklemmenden
Eindruck. Die Bestatter schürten das Feuer mit
langen Bambusstangen, mit denen auch die Knochen
zerschlagen wurden, die noch aus der schwarzen Leiche
herausragten. Das Holz zur Verbrennung war teuer und so
wurde sparsam damit umgegangen. Geliefert wurde das
Brennmaterial von den am Ufer festgemachten
Holztransportern, neben denen auch unser Kahn festgemacht
hatte.
Der fürchterlich beißende Gestank hüllte uns ein und es
war ein Glück, daß wir noch nüchtern waren. Hoffentlich
wurden die Arbeiter, die wohl den ganzen Tag hier
verbringen mußten, dafür auch angemessen entlohnt.
Ich wollte fotografieren, doch der Bootsmann duldete das
nicht, das sei verboten und selbst als ich den Platz aus
etwa 100 Metern Entfernung auf dem Rückweg fotografierte,
meckerte er noch, doch ließ ich mir eine Panoramaaufnahme
des Ufers mit den darüber kreisenden Geiern nicht
verbieten, was er dann auch akzeptierte.
Für die Inder ist der Ganges ja ein reinigendes Gewässer,
doch ich spürte Eckel, als ich von den Ruderschlägen
einigemal ein paar Tropfen des schmutzigen Flußwassers
auf die Haut bekam, denn aller mögliche Unrat trieb im
Wasser und auch die Reste der Leichen wurden dem Strom
übergeben.
Nach dieser Kahnpartie folgte nochmal ein kurzer
Bazarbesuch mit Frühstück, dann ins Hotel um zu packen,
denn um 13:45 war check out. Gegen 15 Uhr ließen wir uns
zum Bahnhof fahren und kamen im dortigen Restaurant mit
Indern, Händlern aus der Mittelschicht, ins
Gespräch.
Diese wollten uns glatt weis machen, daß sämtliche der
ungezählten Bettler Indiens nach vollbrachtem „Tagewerk“
nach Hause in ihre Bungalows führen und in Wirklichkeit
allesamt reiche Nichtstuer seien, die sich nur ärmlich
zurecht machten um Mitleid zu erregen.
Nur bei Reden von Politikern hatte ich bisher einen noch
größeren Schwachsinn gehört.
Wahr allerdings ist, daß in Indien von manchen
Verbrechern Kinder absichtlich schrecklich verstümmelt
werden, damit sie als Bettler größere Einkünfte erzielen.
Solche Grausamkeiten können gerade auch durch Touristen,
die verkrüppelten Kindern hohe Beträge schenken (die
diese selbstverständlich abzuliefern haben), befördert
werden. Es ist sehr schwer abzuschätzen, was künstlich
erzeugt ist und was natürliche Ursachen hat.
Indien mit all seinen Widersprüchen ist eben nicht
unbedingt ein Reiseziel für zart besaitete Menschen, aber
mit dicker Haut allemal eine Reise wert. Auch wenn selbst
dann der berühmte „Kulturschock“ ziemlich drastisch
ausfallen kann.
Wer Indien nicht gesehen hat, hat die Welt nicht
gesehen.
Um 21 Uhr endlich verließ unser Zug den Bahnhof, um
uns in nächtlicher Fahrt nach Sonpur zu bringen. Ich
hatte jetzt Zeit, das in den letzen Tagen Erlebte noch
einmal Revue passieren zu lassen.
Das Abschlagen von aus einem halb verbrannten
menschlichen Körper ragenden Knochen am Ganges hatte in
mir einen so tiefen Eindruck hinterlassen, daß dieser
mich wohl ein Leben lang begleiten würde. Viel tiefer war
dieser Eindruck, als jener des pompösen Mausoleums in
Agra, das ein verrückter Despot seiner verstorbenen Frau
hatte errichten lassen und das auch irgendwann einmal,
sei es durch Krieg oder Naturgewalt, nur noch ein
unbeachtetes Ruinenfeld sein wird, aus dem vielleicht
noch, wie jene Knochen aus der Leiche, eine Zeit lang die
Reste seiner Minarette ragen.
© Peter Engelhardt 2007