Per Bahn in die "Golden City" Jaisalmer
Ein Ausflug in die Stadt in der Wüste Tharr im Jahr
1979
Unsere Dampflokomotive in der Tharr Wüste
Wuselndes Gewirr und aufgeregtes hin und her am
Bahnhof von Ajmer, Rajasthan. Trotzdem keine
Platzreservierung ergattert und als Krönung hat der Zug
auch noch reichlich Verspätung! Im Abteil dann eben auf
die Reisetasche sitzen. Um 1:30 Uhr, auf irgendeinem
Bahnhof, dann ein resoluter Schaffner der uns Reisende
aus dem Zug scheucht und in fast leere Waggons
transferiert, an denen noch gar keine Lok angekoppelt
ist. Doch gibt es dafür Sitzplätze für uns. Gegen 4 Uhr
wird die unterbrochene Fahrt dann endlich fortgesetzt. In
Jodpur dann wieder ein Zugwechsel, zwischendurch ein
gutes Frühstück im Bahnhof-Restaurant, mittlerweile ist
es hell geworden. Unsere von einer altertümlichen
Dampflok gezogenen Waggons durchqueren jetzt ein
Mittelding zwischen Wüste und Steppe, Tharr genannt.
Zweimal geraten wir in leichte Sandstürme. Die Fenster
der nur mit Holzbänken ausgestatteten Waggons sind nicht
dicht und so ist bald alles in der nebelhaften Dämmerung
der Abteile von gelblichem Staub bedeckt. Da und dort
wirbelt draußen der Sand oder Staub in Windhosen umher,
doch nach ein paar Kilometern ist wieder alles vorbei.
Wie stets in Indien, kommt man schnell mit seinen
Mitreisenden ins Gespräch und das ist auch gut so, denn
die wüstenartige flache Landschaft mit den seltenen
armseligen Dörfchen vor den Fenstern wird bald
langweilig.
Ein Hotel in Jaisalmer finden wir abends, es ist schon
dunkel, in der Nähe des Bahnhofs. Ein einfaches
Regierungs-Gästehaus, das, wenn es nicht gerade von
Offiziellen benötigt wird, seine Zimmer auch an private
Reisende vermietet. In Indien ist man da pragmatisch. Die
erste Besichtigung von Jaisalmer folgt am nächsten
Morgen. Die Stadt hat praktisch keine Neustadt, sondern
ist komplett von einer Befestigungsmauer umgeben, deren
Tore sogar noch die verschließbaren Torflügel tragen. So,
als erwarte man noch immer den Angriff eines feindlich
gesinnten Herrschers aus der Umgebung. Betritt man die
Stadt von Westen, beginnt fast unmittelbar hinter der
Stadtmauer der Basar mit seinem, für Indien typischen,
geschäftigen Treiben.
Stadt und Festung Jaisalmer
Nach etwa 500 Metern ragt dann die Festung vor
einem auf, welche mit vier hintereinander gestaffelten
Toranlagen gesichert ist und auf einem Hügel liegt. Von
innen wirkt das Fort mit seinen vielen runden
Verteidigungstürmen genau so eindrucksvoll wie von außen.
Es ist, wie die ganze Stadt, aus gelbem Sandstein erbaut,
daher der Name "Golden City". Schon in der Stadt selber
waren an den Häusern ehemals oder noch immer reicher
Händler die Fenster und Erker mit wunderbar feinen
Steinmetzarbeiten geschmückt, doch übertreffen die
Paläste hier in der Festung diese kunstvollen Arbeiten
sogar noch. Ein besonderes Gefühl ist es, sich auf dem
marmornen Thron des einstigen Herrschers nieder zu
lassen, welcher im Freien steht, und sich vorzustellen,
wie dieser, inmitten seines Hofstaates und Dienern, die
ihn mit großen Schirmen vor den Strahlen der Sonne
schützten, Gericht über seine Untertanen hielt oder deren
Huldigungen entgegen nahm. - Ja, das könnte einem schon
gefallen...
Auch ein Spaziergang auf den Wehrgängen lässt eine
historisierende Stimmung aufkommen. An den übermauerten
Zinnen der Wälle und Türme kann man erkennen, daß die
Festung über lange Zeiten immer wieder an die neueste
Kriegstechnik angepasst wurde, Stadt und Festung
Jaisalmer schienen in der Vergangenheit des öfteren stark
bedroht gewesen zu sein. Aber mittlerweile hat Peace und
Liebe in Jaisalmer Einzug gehalten, denn schon seit
etlichen Jahren haben sich ein paar Dutzend Hippies aus
westlichen Ländern in dem alten Gemäuer der Festung
eingemietet. Zwar ist die hohe Zeit der Hippies schon
lange vorbei, doch hier, in der indischen Wüste, ist
einer der Plätze, wo es sie noch gibt. Die meisten sind
Franzosen, denn der Name 'Jaisalmer' hat in Frankreich
einen guten Klang.
Palast an einem Wassertank bei Jaisalmer
Wer will, kann auch von Jaisalmer aus einen Ausflug
zu den Sanddünen von Sam machen, den einzigen Wüstendünen
in Indien. Auch einige berühmte, über und über mit
Reliefs geschmückte Tempel der Jain-Religion gibt es
hier. Die "goldene Stadt", wobei diese Bezeichnung, bei
aller Liebe, doch etwas übertrieben scheint, ist von
einigen Wassertanks umgeben - in Deutschland würde man
wohl von Weihern sprechen - welche eine ansehnliche Größe
haben und an denen Lustschlösschen und Pavillons erbaut
sind.

Diese Tanks sicherten einst
das Überleben der Stadt, denn sie speichern das Wasser
der Monsunniederschläge. Von manchen armen Leuten werden
die Tanks immer noch als Wasserlieferanten benutzt. Es
lohnt sich, ein Fahrrad zu mieten und auf Erkundung zu
gehen bzw. zu radeln, denn nicht nur die Bewohner
Jaisalmer's suchten sich am Wasser zu entspannen und
errichteten dort Bauwerke, sondern diese Weiher locken
auch Tiere an, darunter viele exotische Vögel, welche man
beobachten kann. Ein Taschenfernglas kann also gute
Dienste verrichten.
Nach zwei Tagen Aufenthalt in der interessanten Stadt,
Jaisalmer kann man getrost ein Rothenburg Indiens nennen,
ruckelte unser Zug dann wieder östlich, anderen
Destinationen in Rajasthan entgegen.
Die Wüstenstadt Jaisalmer
Dieser Artikel
war bisher in leicht modifizierter Form auf der
Plattform
http://artikel.4.am/ veröffentlicht.
© Peter
Engelhardt 2007