

Nach einer der anstrengendsten Busfahrten meines Lebens, jedenfalls gemessen an der Entfernung, erreichte ich das Städtchen Bukittingi auf Sumatra um 2 Uhr nachts. Über mir funkelten mit selten erlebter, strahlender Leuchtkraft die fremden Sternbilder der südlichen Hemisphäre. Um diese Zeit blieb mir nichts weiter übrig, als es mir wie ein Obdachloser auf einer Bank des Busbahnhofs bequem zu machen um bis 6 Uhr morgens ein Schläfchen zu halten. Dies war meine erste Nacht südlich des Äquators.
Ich erwachte durch die Geräusche als das "Rumah Makan"
des Busbahnhofs öffnete. Rumah bedeutet Haus, Makan
Essen, ein Rumah Makan ist also ein Essenshaus, in
das ich mich zum Frühstück setzte. In einem
solchen gibt es keine Speisekarte, sondern der Kellner
bringt jedem Gast Schalen mit Reis, Eiern, Fleisch,
Innereien, Gemüse u.s.w. Der Gast wählt aus und bezahlt
alles was er angebrochen hat. Die Speisen waren
schmackhaft, vor allem die hartgekochten, mit Chilli
rotgefärbten Eier in einer sehr scharfen Soße mundeten
mir sehr. Auch der Kaffee war tiefschwarz und gut.
In vielen Ländern gibt es die gleichen Gerichte zu
allen drei Hauptmahlzeiten. Nur dort wo viele Touristen
sind, hat man sich auf diese eingestellt und bietet
morgens auch Toast und Spiegeleier u.ä. an.
Nachdem ich gesättigt war und eine kurze
Morgentoilette am Wasserhahn abgehalten hatte, fragte ich
den Kellner nach Hotels und er schickte mich über die
Treppen des Hügels hinauf.
Auf dem Kamm bot sich ein überraschend schöner Anblick.
Bukittingi lag unter mir, halb von morgendlichen
Nebelschwaden bedeckt, in der Ferne die Silhouetten von
Bergen und Vulkanen. Die große Kuppel der Moschee glänzte
im Schein der tiefstehenden Sonne.
Sofort gefiel mir dieses Städtchen.
Die wenigen Hotel´s waren alle belegt, doch sollte um 10
Uhr in einem Hotel ein Zimmer frei werden, so vertraute
ich dem Hotelboy mein Gepäck an und machte einen
Spaziergang durch die Stadt, um einen ersten Eindruck zu
gewinnen. Viele der Häuser waren aus Holz und hatten
Wellblechdächer. Häuser im traditionellen Stil gab es
allerdings nur noch aus musealen Gründen.
Jetzt machte sich meine Müdigkeit bemerkbar, da ich
die letzten 50 Stunden nur die vier Stunden leichten
Schlaf auf der unbequemen Bank hatte. So steuerte ich
bald ein Lokal an um mich mit dem guten Sumatra-Kaffee
wach zu halten.
In dieser Gegend Sumatra´s, das von vielen Völkern
bewohnt ist, wohnen die "Minang Kabau" was "siegreiche
Büffel" bedeutet. In ihrer Mehrheit sind es Moslems,
trotzdem haben sie, seltsam genug bei Moslems, eine
matriarchalische Gesellschaftsordnung.
Aber es ist wie immer, Pauschalisierungen erweisen sich
als nutzlos. Einen malaysischen oder indonesischen Moslem
trennen Welten von einem Moslem aus Saudi-Arabien, die
Kultur ist prägender als die Religion. Gilt dies für eine
ganze Religion, die immer Auslegungssache ist, so noch
viel mehr bei den einzelnen Individuen. Brahma, Allah,
Gott oder das Unergründliche Gesetz hat die Menschen eben
sehr unterschiedlich gestaltet. Alle diese Religionen
sind in Indonesien präsent, wenn es auch fast zu 90%
Muslims sind.
Unglücklicherweise waren die meisten der Moslems auf dem
völlig übervölkerten Java zuhause als die Regierung
ein großes Umsiedlungsprogramm startete und dadurch
Religionskonflikte auslöste, da die jetzt in Massen
auftretenden und das Land beschlagnahmenden Javanesen
von Völkern anderer Religion als "die Moslems"
wahrgenommen werden.
Eigentlich handelt es sich um Kolonialismus, doch hat die
Regierung in Jakarta keine Wahl. Gerade die beiden
größten der Religionen, der Islam und das Christentum,
tragen durch ihr erklärtes Ziel der ungehemmten
Bevölkerungsvermehrung stark dazu bei, daß weltweit alle
kleineren Völker und Kulturen genau so wie die die
letzten Reste unberührter Natur völlig verschwinden
werden.
Doch werden religiöse Konflikte auch bewusst
provoziert.
So hatte zum Beispiel auch der Konflikt in Aceh auf
Nordwest-Sumatra keinen religiösen Charakter, da beide
Konfliktparteien Muslims sind. Dennoch wurde daraus ein
Religionskonflikt gemacht. Die Stammeskämpfer wurden vom
Regime als religiöse Extremisten eingestuft, was durch
die Kultur der Achinesen (= Bewohner Aceh´s) leicht
gemacht wurde, weil diese die Religion schon immer
strenger auslegte als die Kulturen anderer muslimischer
Völker Indonesien´s.
In Aceh landeten, um die bis heute wichtige strategische
Position am Ausgang der Malakkastraße zu sichern, die
ersten arabischen Moslems und bekehrten das Volk von
der Naturreligion, die noch rituellen Kannibalismus
kannte, zu einem Islam, der ziemlich strikt ausgelegt
wurde. Dies wird den Achinesen im Zeitalter des
christlichen "Krieges gegen den Terror" zum Verhängnis,
da jedes Regime westliche Unterstützung findet, das gegen
angebliche oder reale religiöse Extremisten vorgeht,
solange diese nur Muslime sind.
Während der langsamen weiteren Ausbreitung des Islams
wurde dessen Auslegung moderater und nahm viele
Einflüsse der alten Kulturen in sich auf. Hinduismus und
Buddhismus, die Religionen der uralten Hochkulturen und
Stadtstaaten Java, Bali und Südsumatra`s, kennen kein
solches Missionierungsbewußtsein. Im Innern Sumatra´s und
auf unzugänglichen Inseln wurden viele Völker sogar erst
von holländischen Missionaren zu einer Weltreligion
bekehrt.
Einer dieser alten Ritusplätze der Naturreligionen im
Lake Toba ist eine Touristenattraktion und zeigt in der
Bauweise die ersten Schritte zur höheren Kultur, die von
den Missionaren jedoch völlig ausgelöscht wurde. Die
heutigen christlichen Bataker die diese Region besiedeln,
schämen sich sogar ihrer alten Kultur und verdrängen
diese, wie ich feststellen mußte.

Mittlerweile wurde es 11 Uhr und ich machte mich
wieder ins Hotel auf. Das Zimmer wurde gerade
hergerichtet, so nahm ich noch eine südostasiatische
Schöpfdusche.
Diese Dusche ist ein kleiner Raum oder separates Häuschen
mit einer großen gemauerten Wanne in der sich das kalte
Wasser befindet das man mit einer Schöpfkelle über sich
gießt.
Daß schon Touristen auf die Idee gekommen waren, in die
Wanne zu steigen um zu baden, bewies ein Verbotsschild.
Die haben dann wohl vergeblich nach dem
Auslaßstöpsel gesucht und mußten hoffentlich selbst
die einige hundert Liter fassende Wanne ausschöpfen und
mittels Eimern neu befüllen.
Ich schlief danach bis zum frühen Abend.
Nachtleben fand in der Stadt natürlich kaum statt und nur
in den Hotelrestaurant´s saßen die wenigen kaukasischen
Reisenden zusammen und unterhielten sich. Von diesen
bekam ich den Tip, den berühmten "Gado Gado" Salat der
Region zu probieren. Diesen sollte ich die nächsten Tage
noch öfters essen.
Am nächsten Morgen folgte dann eine ausgiebige Besichtigung des Ortes. Die Menschen waren zuvorkommend und freundlich und zum erstenmal erlebte ich den bezaubernden Charme der indonesischen Mentalität, dem ich noch oft auf Jawa und Bali begegnen sollte. Die Minang Kabau waren zwar bis zur holländischen Kolonialisierung unabhängig, pflegten jedoch enge Beziehungen zu den alten javanischen Reichen und diese kulturelle Verbundenheit machte sich, viel mehr als zum Beispiel bei den von mir zuvor besuchten Batakern, überall bemerkbar.
Auf Sumatra gibt es zwei Jahreszeiten, sagen die
Einheimischen augenzwinkernd, die Regenzeit und
die Trockenzeit. In der Trockenzeit regnet es
dreimal täglich, in der Regenzeit den ganzen Tag. Es war
gerade Übergangszeit zwischen den Jahreszeiten und so war
der Regenschirm bei 5 bis 6 Regenschauern täglich ein
notwendiges Utensil.
Der örtliche überdachte Markt duftete nach exotischen
Gewürzen und dem intensiven köstlichen Sumatra-Tabak, der
in Ballen als Feinschnitt angeboten wurde. Der Tabak
wird in eine Art Bastrinde eingerollt und geraucht. Dies
ist wesentlich billiger als die mit Nelken gewürzten
beliebten "Gudang Garang"-Zigaretten. Auch ich kaufte mir
eine Plastiktüte von dem Arme-Leute-Tabak, doch wurde der
Rauchgenuß durch den stinkenden Bast stark getrübt.
Zigarettenpapier war leider nicht erhältlich.
Vergiftete Dolche, Kris genannt, und Silberwaren waren
damals noch immer als Waffe und Schmuck für die
Einheimischen bestimmt, doch kann ich mir vorstellen, daß
sich das mittlerweile geändert hat. Übrigens tragen
viele Minang Kabau versteckt am Körper einen solchen
kleinen Kris mit sich herum. Ein Silberhändler hatte
eine große fast runde spanische Silbermünze aus dem 16.
Jahrhundert, deren aufgeprägtem Kopf eine riesige Nase
zierte. Ich fragte nach dem Preis, doch er kannte den
Wert und wollte umgerechnet 80.- DM für die Münze. Nach
dem üblichen Handeln hätte ich sie vielleicht für die
Hälfte bekommen, doch stand mir für meinen gesamten
Aufenthalt in Bukittingi nicht so viel Geld zur
Verfügung.
Der folgende Tag war der Bildung vorbehalten. Der Zoo
bot unterernährte Tiere in viel zu kleinen Käfigen. Als
exotische Tiere aus Europa waren ein paar Stallhasen
ausgestellt. Auch eine Abteilung mit ausgestopften Tieren
war zu besichtigen. Interessanter war da schon das mitten
im Zoo gelegene Völkerkundemuseum.
Den letzten Tag in Bukittingi machte ich mich nach dem
Gado-Gado Salat, den ich zum Frühstück genoß, durch den
Sianok Canyon auf den Weg nach Kota Gadang, das Zentrum
der dortigen Silberschmiedekunst. Dort herrschte eine
angenehme Atmosphäre, die Leute waren freundlich und
boten Tee, ohne etwas aufdrängen zu wollen, sie kannten
den Wert ihrer Arbeiten und waren weder enttäuscht noch
gar böse in mir keinen Kunden zu finden. So blieb ich
dort einige Stunden bevor ich mich auf den Rückweg durch
das 100 Meter tiefe Tal machte. Dieses hat wilde
Schönheit, der Fluß hat sich im Laufe der Zeit tief in
den Lößboden gefressen, in den auch tiefe Stollen und
Munitionskasematten aus japanischer Zeit gegraben
sind.
Es drohte bald zu regnen und ich beeilte mich das Hotel
zu erreichen. Kaum hatte ich mich dort gesetzt, goß es
wie aus Eimern.
Als ich am nächsten Morgen um 6 Uhr das letzte Mal die Treppen über den Hügel zum Busbahnhof hinaufstieg, hatte mich der Zauber Indonesiens endgültig ergriffen. Ich kaufte einen Fahrschein nach dem Hafen Padang, da von dort aus heute um 11 Uhr das Schiff, ein völlig überfüllter besserer Seelenverkäufer der mich in dreitägiger Fahrt nach Jakarta brachte, laut Fahrplan ablegen sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.
© Peter Engelhardt 2005