



Am anderen Tag fuhren wir früh mit dem Bus ins nahe
Patan. Die ebenfalls voll erhaltene Altstadt von Patan,
eine der drei alten Königsstädte, ist wesentlich
prächtiger als die Altstadt von Kathmandu. Beim Besuch
eines Hindutempels wurden wir jedoch von einem erbosten
Gottesdienstbesucher aus dem Tempel gewiesen. Wir nahmen
uns das nicht sehr zu Herzen, es war nachvollziehbar, daß
die überall herumstolpernden Touristen für die Gläubigen
eine Belästigung darstellten.
Doch wurden wir von einem Nepali verfolgt, dieser wollte
wissen, weshalb wir uns so widerspruchslos aus dem Tempel
hatten weisen lassen, das sei doch ein Haus Gottes und
niemand habe das Recht, einen anderen aus einem solchen
zu weisen.
"Bist du Hindu?"
"Nein, ich bin Moslem! Und ihr seid Christen?"
"Ja, aber sieh, ich glaube nicht an das was jene glauben,
für mich ist ein Besuch in einem ihrer Tempel nicht
anders als ein Besuch in einem Museum und wenn sich
Gläubige von glotzenden Touristen gestört fühlen, dann
kann ich das verstehen!"
Diese Erklärung stellte den Moslem aber keineswegs
zufrieden.
"Ich würde mich niemals aus einem Haus Gottes weisen
lassen!"
Eine kämpferische Einstellung die man respektieren muß,
jedoch auch erklärt, weshalb es auf dem Subkontinent ab
und an zu religiösen Eruptionen kommt. Ich weiß nicht
weshalb ich dem Mann verschwieg, daß ich einmal fast
verprügelt wurde, als ich einem schiitischen Gotteshaus
im Iran aus Unwissenheit zu nahe gekommen war.
Nach Besichtigung der anderen wichtigen Tempel und
Sehenswürdigkeiten Patans (wir wurden natürlich sonst
nirgendwo abgewiesen), begaben wir uns ins Viertel der
Silberschmiede, denn wir wollten Schmuck kaufen. Vor
einem kleinen Tempel bot ein Junge meiner Begleiterin ein
Armband für eine Rupie an, ich riet ihr zuzugreifen, denn
es sah aus als wäre es aus Silber. Ein befragter
Silberschmied begutachtete das Armband, der Stein war
nicht echt, doch der Gewichtswert des Silbers betrug 32
Rupien. Wahrscheinlich hatte der Junge das Armband
irgendwo gefunden.
Ich erstand einen sehr schönen, schweren und fein
ziselierten mit Edelkorallen besetzten Armreif aus
hochwertigem Silber für 250 Rupien (knapp 37.-DM) sowie
eine Brosche. Etliche der Silberwaren stammten aus
Varanasi in Indien, doch machten die korrekten
Silberschmiede gar kein Geheimnis daraus. Der
Silberschmuck wurde gewogen und auf den Tageswert des
Silbers ein recht geringer Betrag für die Herstellung
aufgeschlagen, das ergab den Gesamtpreis. Nie bin ich in
Indien oder Nepal von einem der allgemein ziemlich
seriösen Silberschmiede übers Ohr gehauen worden. Handeln
muß man natürlich trotzdem, das gehört zur Etikette und
wird erwartet, doch sollte der Preis nicht so weit
gedrückt werden, daß der Schmied wirklich wütend wird,
sonst erhält man die Ware auch dann nicht mehr, wenn man
mit dem Preis wieder nach oben geht! Auf jeden Fall
sollte man sich genügend Zeit für solche Verhandlungen
nehmen und vergleichen.
In einer der Straßen Patans wurde die "Kanalisation" gereinigt, über die Patans Altstadt im Gegensatz zu der Kathmandus verfügte. Diese bestand aus mit Steinen ausgelegten und mit ebensolchen Platten bedeckten Gräben, die einen jahrhundertealten Eindruck machten. Dort wo die Deckplatten entfernt waren, verbreitete sich ein ekelerregend infernalischer Gestank. Die armen Arbeiter, die mit den landesüblichen kurzen und stiellosen Besen den kleinen Graben mit der übelriechenden grauen Brühe ausfegten, taten mir leid. Das Ganze erinnerte mich an die Abwassergräben in Kabul, nur daß dort diese nicht abgedeckt waren.


Ein paar Straßen weiter spielten ein paar Jungen mit
einer großen toten Ratte Fußball, als wir vorbei waren,
wurde mir die Ratte prompt von hinten ans Bein gekickt.
Als ich zornentbrannt herumfuhr, entfleuchte die ganze
Schar hämisch kichernd.
Es gab viele fotogene Szenarios in Patan, als ich z. B.
jedoch einen kiffenden weißhaarigen Alten, der malerisch
in einem Hauseingang kauerte, fragte ob ich ihn
fotografieren dürfe, lehnte dieser entschieden ab, obwohl
er, wie mir sein Blick signalisierte, ein ungefragtes
fotografieren wohl als seltsame Marotte dieser lästigen
und unverschämten Touristen hingenommen hätte.
Mir schien, die einfachen Leute in Patan, denen die
Reisenden ja kaum einen Nutzen brachten, hatten die Nase
von all den Fremden gestrichen voll, sonst hätten es wohl
auch jene Lausbuben nicht gewagt, mit der Ratte nach mir
zu kicken und auch der Rauswurf aus dem Tempel war ein
Indiz für eine solche Einstellung.
Schwer zu sagen, wer mehr zu dieser Stimmung beigetragen
hatte, die mittlerweile häufigen Pauschaltouristen und
Trekkingurlauber, oder die reisenden Hippies ("You want
Dschillom, Baba?") von denen es allerdings nicht mehr
sehr viele gab.
Auf dem Rückweg zum Busbahnhof begegnete uns ein etwa
zwanzigjähriger junger Mann, der einen etwa 13 jährigen
Jungen verdrosch, welcher "Mordio!" schrie. Meine
Freundin wollte einschreiten, doch verbot ich es ihr, das
konnte unübersehbare Konsequenzen nach sich ziehen.
Einige Minuten später, wir waren stehen geblieben, hatte
sich ein ziemlich großer Menschenauflauf um die Beiden
gebildet, doch niemand schritt ein und der junge Mann
beruhigte sich schließlich von selbst wieder. Anscheinend
war der Junge sein Bruder und das Ganze eine
Erziehungsmaßnahme.
Um 16:00 erreichten wir wieder das fremdentolerantere
Kathmandu, in dem die Touristen auch das meiste Geld
ließen, und ich begab mich wieder ins Hotel, während
meine Kameradin sich nochmals in der Altstadt
umsah.
© Peter Engelhardt 2005