

An der Nordküste des Golfes von Siam, etwas östlich
des Städtchens Rayong liegt heute der kleine
thailändische Meeres-Nationalpark Khao Laem Ya-Mu Ko
Samet.
Bei meinem ersten Besuch auf dem Inselchen Anfang 1980
stand dort noch nichts unter Naturschutz. Ich hatte
mich in Bangkok nach einem Platz in der Nähe der
Hauptstadt erkundigt, der leicht zu erreichen und gut für
einen Kurzurlaub war, denn ich musste ein paar Tage
überbrücken.
Thai´s aus der Hauptstadt empfahlen mir das Inselchen mit
mit der Bemerkung, daß sie selbst schon ein paar Male
dort waren. Ko Samet war schon damals ein beliebtes
Wochenend-Ausflugsziel der Großstädter.
In dem kleinen Hafen Ban Phe, der den Schiffsverkehr zu der von nur wenigen Menschen bewohnten Insel aufrecht erhielt, wurde gerade das chinesische Neujahr gefeiert. Überall explodierten Feuerwerkskörper und ein riesiger Drache wurde durch die Straßen getragen. Ich traf am Kai einen älteren Dänen, der sein Dominizil auf Ko Samet aufgeschlagen hatte. Dieser empfahl mir einen Strand auf der zur See zugewandten Seite der Insel. Und, was Wunder, das war genau das Endziel des kleinen Fischkutters, der uns zur Insel brachte, denn der Strand gehörte dem jungen Käpt´n dieses Bootes. Auch der Däne wollte dorthin. Mit uns fuhren zwei Thai`s, die im einzigen Ort der Insel, der aus acht oder zehn einfachen Holzhäusern bestand, das Boot wieder verließen. Wir umfuhren das Kap und tuckerten an der Seeseite der Insel dicht an der Küste entlang. Nur zwei oder drei Hütten waren vom Wasser aus zu sehen. Dafür viele viele Kokospalmen und leuchtend weißer Strand. Das Wasser war smaragdgrün und glasklar.
Als wir in die Bucht unseres Bestimmungsortes
einliefen, sah ich den Schatten unseres Bootes etwa 10
Meter tiefer auf dem Meeresgrund. Ich hatte derartiges
noch nie erblickt und war fasziniert. Es war keine
Landungsbrücke vorhanden und wir wurden auf den Schultern
des Skippers vom ankernden Kutter an Land getragen,
obwohl ich mich dagegen sträuben wollte. Es gab nur eine
kleine Anzahl winziger mit Palmblatt gedeckter und mit
drei geflochtenen Seitenwänden versehener Hütten. Diese
waren, zum Schutz vor Unfällen mit den auf der Insel
häufigen Kobra`s, wie man mir später erklärte, auf
Stelzen errichtet. Diese kleinen Hütten waren nur zum
Schlafen geeignet, doch der paradiesische Strand
war Wohnzimmer genug. Ich konnte mir eine Hütte
aussuchen, da ich der einzige Gast war. Es gab eine mit
Palmgeflecht umzäunte Schöpfdusche und ebensolche
Toiletten. Mehr brauchte ich nicht.
Essen bekam ich von der Familie des Skippers. Einfach
zwar, Reis mit Ei oder Fisch und Knoblauch, aber seit ich
in Thailand war, hatte ich in Delikatessen geschwelgt und
etwas fasten schadete mir nicht.
Außer dem Dänen sollte noch ein Weißer auf der Insel
sein.
Der Däne hatte zwei Buchten zurück seine Hütte und
nachdem ich mich eingerichtet und etwas gebadet hatte,
kam er vorbei. Ich unterhielt mich mit ihm und dem
jungen Skipper. Der Däne war mit einer Thai verheiratet
gewesen und sein Sohn diente in der thailändischen
Marine, wo er zum Admiral aufgestiegen war.
Er kam gerade von einem längeren Klinikaufenthalt in
Bangkok zurück.
Der Grund des Klinikaufenthaltes war folgender:
Er hatte einen Dschungelspaziergang auf der Insel gemacht
als ihn ein menschliches Gefühl überkam. Als er so dasaß,
raschelte es neben ihm im Gebüsch, er dachte sofort an
die vielen Kobra`s, warf sich mit einem Satz in die
andere Richtung und landete im Dornengebüsch.
Diese Wunden an seinem Hintern hatten sich dann entzündet
und hinzu kam Fieber. Er war alt und die
Verletzungen heilten nur sehr langsam. Jetzt war er nie
mehr ohne langen Stock gegen die Schlangen
unterwegs.
Ich begleitete ihn in seine Bucht zurück, wobei er mir
einiges über die Insel erzählte, z.B. zeigte er mir einen
gemauerten Kohlenmeiler und erklärte mir dessen Funktion.
Auch, daß das Gewässer nur zu dieser Jahreszeit so
kristallklar sei.
Am nächsten Tag unterbrach der Skipper (leider habe
ich mir seinen Namen nicht aufgeschrieben, deshalb nenne
ich ihn so) das Badeeinerlei indem er mich fragte ob ich
mit zum Fischfang ausfahren wolle.
Klar wollte ich!
Wir fuhren mit dem Kutter, der "Seahorse" etwa 2-3
Kilometer auf See, dann wurde eine lange Leine mit einem
daran befestigten Haken ausgeworfen und hinterher
geschleppt. Der Sinn dieser Prozedur war mir unklar
denn das Boot fuhr enge Schleifen. Danach wurde die Leine
wieder an Bord gezogen, am Haken hatte sich ein Draht
verfangen.
Gemeinsam zogen wir an diesem Draht, jetzt wurde der
Zweck der Sache klar, an dem Draht war eine große Reuse
befestigt. In dieser hatten sich die verschiedensten
kleinen und größeren bunten Fische verfangen. Einer sah
aus wie ein kleines Monstrum und ich wollte helfen die
Fische aus der Reuse zu holen. Der Skipper warnte mich
jedoch, manche Fische hatten sehr giftige Stacheln.
Über ein Exemplar war er besonders erfreut, diese Art sei
sehr teuer, in Bangkok würden die Leute 65 Bhat (damals
etwa 6 DM) für das Kilogramm bezahlen. Wie die erneut
ausgelegte Reuse wieder gefunden wurde, kann ich nicht
sagen, GPS gab es noch nicht, einzig die Landmarken der
Insel dienten als Positionierungshilfe, aber ich bin ja
auch eine Landratte.
In der Bucht warfen wir wieder neben den
Zuchtperlen-Bänken Anker. Bald wurde es Nacht und wir
verzehrten im Schein einer offenen Petroleumlampe unser
frugales Abendmahl.
Der nächste Tag war ein buddhistischer Feiertag und
der Skipper mit seinen Brüdern lud mich zu einem
Inselrundgang ein. Alle hatten sich in Schale geworfen
und auch ich schlüpfte in saubere Jeans und Hemd. Erst
wollten wir den Dänen abholen, dabei kamen wir an einem
kleinen Felsen direkt neben dem Pfad vorbei, in dem eine
kleine Höhlung zu sehen war.
"Hier wohnt eine Kobra, wir wollen nachsehen ob sie
zuhause ist!"
Sie war!
Als ich mich in vorsichtiger Entfernung von mehr als drei
Metern auf den Boden kniete und den Kopf senkte, konnte
ich sehen wie sie in der kleinen Höhle aufmerksam den
Kopf aufgerichtet hatte.
"Laßt uns die Schlange ein bisschen ärgern" meinte
mein Freund.
Er kletterte auf den Stein, beugte sich nach vorne und
fuhr, vielleicht einen Meter vor dem Kopf der Kobra, mit
der Hand vor dem Loch hin und her. Das fand ich sehr
gewagt, war doch der nächste Arzt auf dem fast eine
Fahrstunde entfernten Festland. Jedoch ging die Schlange
nicht zum Angriff über, sie schien selbst die größte
Angst zu empfinden.
Ich prägte mir die Stelle genau ein, um diese das nächste
Mal nur sehr vorsichtig zu passieren. Wir folgten weiter
dem einzigen Fußpfad der die Buchten verband.
Es gab doch mehr Häuser als ich vom Wasser aus gesehen
hatte, etwa in jeder zweiten der kleinen Buchten
befand sich ein Haus, an dem Halt gemacht, ein Schwatz
abgehalten und Kleinigkeiten gereicht wurden. Unser
Skipper war bis über beide Ohren in eine junge Frau
verliebt, die ihre Gunst jedoch zu seinem Leidwesen
großzügig verschenkte und auch verkaufte. Auch ihr
statten wir einen Besuch ab. Dann erreichten wir ein
kleines Tempelchen, dort begegneten wir einer Frau die
uns mit nach Hause nahm, um das gekochte Huhn für das sie
gerade den Segen geholt hatte zu verspeisen. Auch im
nächsten Haus gab es wieder gekochtes Huhn.
Als nächstes kamen wir an ein kleines Kloster, an dessen
Tor ein großer hölzerner Phallus aufgehängt war. Dort
verrichteten unsere Thai`s Gebete.
Noch eine Station, dann erreichten wir das kleine Dorf.
Wir hatten jetzt fast alle Häuser der Insel gesehen. Ich
gab in der Dorfkneipe eine Cola aus, und wir machten uns
auf den Rückweg, wobei uns eine recht angeheiterte
Familie zu sich lud.
Der Ehemann bot mir seine Ehefrau an, nicht als Witz,
sondern im Ernst, der Feiertag hatte mit
Fruchtbarkeitsriten zu tun, wie ich gemerkt hatte.
Dankend lehnte ich ab. Nach etlichen Stunden kamen wir
wieder in unsere Bucht zurück.
Abends liefen die ersten Boote mit Wochenendurlaubern
aus Bangkok ein und mit der herrlichen Ruhe in "meiner"
Bucht war es jetzt vorbei. Auch der nächste Tag brachte
immer wieder Boote mit Thai´s und ich verbrachte diesen
Tag mit schwimmen und faulenzen, dabei lernte ich einige
der Städter kennen.
Am folgenden Morgen kam die Geliebte des Skippers mit
einem europäisch aussehenden Mönch den Strand entlang.
Dieser entpuppte sich als Engländer, der auch Deutsch
sprach. Er lebte in dem kleinen Kloster und war in
Thailand um die dortige Form des Buddhismus zu studieren,
er wolle bald nach Japan weiter fliegen, um sich mit dem
Zen-Buddhismus auseinander zu setzen. Leider hatte er
nicht viel Zeit, da er beim morgendlichen Almosen sammeln
war.
Dies war also der dritte Weiße der Insel.
Im Laufe dieses Tages zogen sich die meisten Bangkok`er
wieder von der Insel zurück, auch der Däne mußte in die
Hauptstadt und es wurde wieder einsam.
Es blieb mir noch der nächste Tag auf der Insel, bevor
ich wieder nach Bangkok musste. Ich wollte den Phallus
fotografieren, da ich bei unserem Rundgang keine Kamera
dabei hatte, doch war dieser schon abgehängt.
Im Kobrarevier war ich natürlich besonders
vorsichtig.
Ich ging bis ins Dorf, wo ich mir eine kleine Flasche
Mekong-Schnaps kaufte, die ich am letzten Abend
leerte.
Am nächsten Tag nahm ich Abschied von dem herrlichen
Eiland mit seinen freundlichen Menschen. Als sich die
Seahorse aus der Bucht arbeitete und sich der mit Palmen
besetzte Strand immer mehr entfernte, schwor ich
mir, diesen Platz eines Tages wieder zu besuchen.
Ich hatte mich mit dem Mönch kurz darüber unterhalten,
wie es wohl in zehn Jahren auf Ko Samet aussehen würde,
wenn der Massentourismus diesen Platz wohl entdeckt haben
würde. Wir hatten beide schwarz gesehen. Doch es sollte
schlimmer werden als wir es uns ausgemalt
hatten.
© Peter Engelhardt 2005