Um das ekelhafte Erlebnis zu verdrängen, wollte ich
den Ort schnell verlassen und so nahm ich am gleichen Tag
einen Bus nach Si Chiang Mai, wo ich im Tim Guesthouse
abstieg.
Si Chiang Mai ist eine kleine Stadt bzw. ein großes Dorf
und liegt direkt gegenüber der laotischen Hauptstadt
Vientiane. Die Hoffnung der Einwohner beruhte darauf, daß
angeblich eine Brücke nach Laos geplant war, jedoch noch
nicht feststand, wo diese Brücke gebaut werden sollte.
Durch seine Lage rechnete sich Si Chiang Mai beste
Chancen als Brückenstandort aus und die Immobilienpreise
waren drastisch gestiegen. Vom Dach meines Gästehauses,
das ein junger Schweizer bewirtschaftete, hatte man eine
eine gute Sicht auf Vientiane.
Viel konnte man in dem ländlichen Ort nicht unternehmen.
Neben dem Guesthouse hatte ein junger frankophoner
Schweizer aus Lausanne, der eine Thai geheiratet hatte,
ein Restaurant gepachtet.
Im Gastraum saß er bei seiner Frau und lernte die
Landessprache. Er wollte im Land bleiben und meinte, bei
den meisten anderen müsste die Frau die Sprache ihres
Partners lernen, bei ihm sei es umgekehrt.
Zwei Dorfpolizisten kehrten bei ihnen ein um zu essen und
gingen dann ohne Bezahlung wieder. So etwas hatte ich
schon bei meinem ersten Thailandaufenthalt beobachtet,
und der Lausanner bestätigte mir, daß Polizisten in den
Restaurants niemals bezahlten, das sei so üblich, weil
die Beamten so schlecht bezahlt würden. Doch verdienten
z. B. die bei der Bevölkerung hochangesehenen Lehrer auch
nicht mehr Geld und ich konnte nie beobachten, daß andere
Staatsangestellte auch nicht bezahlt hätten.
Etwa die Hälfte meiner Mahlzeiten nahm ich bei dem
Lausanner, die andere Hälfte im Restaurant meines
Gästehauses ein. Dieses hatte fünf oder sechs Gäste,
somit also alle Touristen von Si Chiang Mai.
Eine davon war eine ältere Abgeordnete eines
Parlaments in Mittelschweden, das etwa den Rang eines
deutschen Landtags hatte und sie sprach sogar Deutsch.
Sie reiste in Begleitung eines jungen Engländers, der
ebenfalls unsere Sprache beherrschte. Wir redeten eines
Abends lange über unsere Erfahrungen in Thailand. Sie
schien durch ein anderes Land gereist zu sein. Überall
wurde sie mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt,
besuchte Schulen und andere Einrichtungen und verkehrte
mit Honoratioren.
Ich hatte von Politikern noch nie eine hohe Meinung und
machte aus meinem Herzen keine Mördergrube, doch zum
ersten Mal spürte ich fast so etwas wie Mitleid für ihre
Blindheit.
Sie war ziemlich entsetzt über meine Erfahrung mit den
kindlichen Prostituierten in Nong Khai, was mich nicht
wunderte, steckte mir dieses Erlebnis doch selbst noch in
den Knochen.
Wir kamen auch allgemein auf die Prostitution und
Kinderarbeit in Thailand zu sprechen.
Zur Prostitution klärte ich sie auf, daß diese überall in
Thailand weit verbreitet war, nicht nur dort wo die
Touristen waren, wie sie glaubte. Das gehöre hier dazu
und ich sei mir sicher, daß sogar in so einem kleinen Ort
wie Si Chiang Mai ein Bordell existiere. Dagegen sei auch
nichts zu sagen, solange es um erwachsene Frauen ging,
die aus freiem Willen handelten.
Sie wandte ein, weshalb es denn dann keinen solchen
Service für Frauen gebe, worauf ich lachend erwiderte, da
sei sie in Thailand eben am falschen Platz, ich wisse
zwar nicht wie das in Schweden sei, aber unsere Weiber
würden dafür nach Jamaika fliegen.
Zur Kinderarbeit bzw. der Tatsache, daß in Thailand
Kinder an Arbeitgeber verkauft wurden, äußerte sie ihr
völliges Unverständnis, wie es möglich ist, daß Eltern
ihre eigenen Kinder verkaufen können.
„Das ist sehr einfach, sehr viele dieser Kinder kommen
gerade von hier, aus der ärmsten Provinz Thailands, dem
I-San. Viele der Kleinbauern haben so kleine Felder, daß
sie von der Hand in den Mund leben. Tritt jetzt ein
Unglück ein, zum Beispiel der Vater oder die Mutter wird
schwer krank, bleibt nur die Möglichkeit, entweder ein
Stück des eh schon zu geringen Landes zu verkaufen, von
dem sie alle leben, oder aber sie verkaufen eines ihrer
vielen Kinder, um das Geld für die Behandlung
aufzubringen. Dazu kommt, daß die Käufer das Blaue vom
Himmel versprechen, die Kinder hätten nur leichte
Hilfstätigkeiten zu verrichten und Not macht gläubig.
Oder aber sie müssen durch Mißernten Schulden machen und
haben keine andere Möglichkeit ihre Schulden
zurückzuzahlen.“
„Aber ich verstehe nicht, weshalb da die Politik nicht
einschreitet!“
„Auch das ist sehr einfach, die örtlichen Politiker sind
tief in diese Geschäfte verstrickt, sie haben nicht das
geringste Interesse daran, daß sich die Verhältnisse
ändern!“
„Woher weißt du das alles?“
„Nun, ich bin nicht das erste Mal in Thailand und habe
natürlich, wie man es immer tun sollte, vorher einige
Bücher über mein Reiseland gelesen“ grinste ich nicht
ohne Spott.
Die Nachmittage verbrachte ich mit Gesprächen vor dem
Gästehaus und wir genossen die ländliche ruhige
Atmosphäre des Ortes am Mekong.
Zwischen dem Schweizer Restaurant und meinem Gästehaus
befand sich ein Kaufladen, unter den Warenregalen hatte
sich eine Katzenmutter mit ihren drei Jungen
einquartiert. Mir war übrigens schon öfter aufgefallen,
daß fast alle Katzen ganz normale Schwänze hatten. Bei
meinem letzten Besuch vor 12 Jahren bekam man nur höchst
selten eine Katze zu Gesicht, deren Schwanz nicht
abgehackt war. Dies geschah damals in dem Aberglauben,
dann würden die Tiere bessere Mäusefänger. Anscheinend
hatte zwischenzeitlich eine Tierschutzkampagne
stattgefunden um den Katzen dieses für
die Kommunikation wichtige Körperteil zu
erhalten.
Ich wollte eines der Jungen hervorholen, doch bei diesem
Versuch versenkte das Miststück seine vier spitzen
Eckzähne tief in das Fleisch zwischen dem Daumen und dem
Zeigefinger meiner rechten Hand.
Auf der anderen Straßenseite war eine Stromleitung so
niedrig über dem Gehsteig gespannt, daß ein
hochgewachsener Europäer diese mit der Hand hätte
erreichen können.
Die Ortsverwaltung hatte, wie öfters in dieser ländlichen
Provinz, einen Nachtwächter angestellt. Am späten Abend
begann dieser Mann mit dem Fahrrad durch die Straßen zu
radeln und an bestimmten Plätzen durch Schläge mit einer
Stahlstange an Stromgittermasten oder sonstige metallene
Gegenstände die Zahl der Nachtstunden zu verkünden um
damit anzuzeigen, daß alles in Ordnung sei. Nicht zum
Schutz gegen Diebe, sondern zum Schutz vor dem Feuer gab
es diese Einrichtung, denn fast alle Häuser in den
Dörfern waren aus Holz errichtet.
In der englischsprachigen Zeitung, die mit einem Tag
Verzögerung aus Bangkok kam, stand zu lesen, daß über dem
gebirgigen Norden des Landes eine Kältewelle
hereingebrochen war, die Temperaturen fielen stellenweise
auf 6° Celsius und einige Obdachlose seien bereits
erfroren.
Am Abend nach dem Gespräch mit der Abgeordneten nahm
ich mein Nachtmahl im Schweizer Restaurant ein, in der es
außer einigen wenigen europäischen Gerichten natürlich
auch Thaiküche gab und trank dann noch ein Bier. Der
Engländer kam herüber, um auch etwas zu trinken. Er hatte
ein ganz besonderes Anliegen.
„Hast du das ernst gemeint, daß es hier in Si Chiang Mai
ein Bordell gibt?“
„Na ja, ich denke schon, doch fragen wir den
Schweizer!“
Es gab sogar deren zwei im Ort.
Jetzt fragte mich der Engländer, ob ich mit ihm zusammen
die Etablissements besichtigen wolle, doch ich lehnte ab,
mein Bedarf war gedeckt.
Er ließ jedoch nicht locker, er hätte so etwas noch nie
gesehen, in Thailand gewesen zu sein ohne auch nur einmal
so etwas besichtigt zu haben u.s.w. und so erkundigte ich
mich schließlich, was das für Häuser seien. Der
Schweizer, dem ich meine Geschichte natürlich auch schon
erzählt hatte, fragte seine Frau, denn er selbst war dort
noch nie gewesen. Diese meinte, daß das ganz normale
Bordelle waren, mit erwachsenen Frauen, so etwas wie in
Nong Khai war hier undenkbar.
Also ließen wir uns den Weg beschreiben und besuchten die
Häuser. Es war schon etwa 21 Uhr und man machte im ersten
bereits Feierabend, denn auf dem Land ging man früh zu
Bett. So besichtigten wir nur das Gebäude und besuchten
dann das zweite Bordell. Hier schlief man sogar schon,
doch eine alte Frau war noch wach und rief sogleich bei
unserem Eintritt etwas in den Nebenraum. Ich winkte ab,
wir wollten wieder gehen, doch schon kam eine Frau Mitte
Zwanzig gähnend und verschlafen aus diesem Zimmer. Es war
mir peinlich, die Frau aus reiner Schaulust umsonst
geweckt zu haben – doch wirklich umsonst?
Der Engländer druckste herum, er wollte hier bleiben.
Also doch nicht nur die reine Neugier, sieh an, sieh an –
ich hatte den nützlichen Idioten abgegeben!
Der Schweizer fragte mich, wo denn mein Kamerad sei, als
ich nochmal ein Bier bestellte.
„Der verspätet sich etwas!“
Wissend grinste das Paar, vermutlich über mich und meine
Naivität.