Die Fahrt führte nach einmaligem Umsteigen in Nakhon Pathom erst an der reizvollen Küste des Golfes von Siam entlang, dann weiter im Landesinneren direkt nach Trang. Dieses Ziel hatte ich mir ausgewählt, da ich in Thailand noch nie am indischen Ozean war und ich einen Platz suchte, an dem die westlichen Touristen noch nicht die alles beeinflussende Rolle spielten. Trang war genau das richtige, das sah ich sofort, obwohl es nicht direkt an der Küste liegt. Ich bekam zur Abwechslung mal wieder ein anständiges Hotel zu einem vernünftigen Preis, wie ich es vom I-San her gewohnt war.
Im Restaurant des vornehmen Thurim Hotels speiste ich
einigemal hervorragend und schräg gegenüber dieses Hotels
entdeckte ich ein Reisebüro, das Gruppenausflüge
organisierte. Ich könne mit einer Gruppe thailändischer
Touristen mit an einem Tagesausflug teilnehmen. Das Ganze
war zwar mit fast 30.- Mark alles andere als billig, doch
es solle sich lohnen, wie mir die Angestellte
versicherte.
Na ja, von meinem für die Thailandreise eingeplanten Geld
war noch so viel übrig, daß ich beschlossen hatte, von
Hat Yai aus nach Bangkok zurück zu fliegen und so kam es
mir nach einiger Überlegung auf 30 Piepen auch nicht mehr
an, ein bißchen Luxus muß ja auch sein.
Am Morgen des vereinbarten Tages fuhren wir in
Minibussen nach Pak Meng, das westlich von Trang an einer
Bucht der Andamanensee liegt. An Bord meines Busses waren
inklusive Reiseleiterin außer dem Fahrer und mir alles
Frauen. Ob ich denn Schwimmen könne, fragte die Chefin,
die auch Tauchlehrerin war.
„Ja, natürlich!“
Antwortete ich etwas verwundert.
Ich verstand zwar nur ein paar Dutzend Wörter Thai, doch
meinte die Reiseleiterin so etwas wie:
Ich hab´s euch ja gesagt, alle Weißen können schwimmen,
das lernen die schon in der Schule.
Und richtig, sie fragte mich jetzt, wer mir denn das
Schwimmen beigebracht hätte?
Wozu das denn nütze sein soll? Ging die Unterhaltung in
Thai weiter.
Ganz einfach, wenn jemand der schwimmen kann ins Wasser
fällt, kann er nicht ertrinken!
Das leuchtete ein.
Tatsächlich war in vielen nicht westlichen Ländern die
Meinung verbreitet, das Schwimmen sei eine Kunst, die
vielleicht für proletarische Fischer notwendig war, sich
nicht jedoch für jemanden geziemte, der seine Brötchen
nicht mit solch niedriger Arbeit verdienen musste.
An der Landungsbrücke von Pak Meng wartete bereits
unser großes Boot mit zwei Decks, auf dem alle Passagiere
der drei Minibusse bequem Platz fanden. Außer mir alles
Angehörige einer reichen Thaifamilie aus Bangkok mit
reichlicher Verwandtschaft, jedoch waren außer dem alten,
etwa siebzigjährigen Familienchef, nur wenige andere
Männer mit dabei. Die Frauen waren aus fast allen
Altersgruppen, nur Seniorinnen gab es nicht.
Wir liefen aus der seichten Bucht und nahmen
südwestlichen Kurs. Nach etwa einer Stunde Fahrt stoppte
das Boot vor der senkrechten Felswand einer Insel. Ich
fragte mich was das soll, denn wie es aussah, setzte sich
die Felswand unter Wasser genau so senkrecht fort wie
darüber.
Ja, das Wasser war hier 60 Meter tief, doch es gab eine
Höhle, in die wir schwimmen sollten. Alle Frauen die Lust
dazu hatten und das waren die meisten, bekamen
Schwimmwesten über ihren T-Shirts angelegt. Auch ich
wurde aufgefordert, in eine Weste zu schlüpfen.
"Safety first!“
Die Männer blieben fast alle an Bord, die Frauen folgten
der Reiseleiterin ins Wasser und hielten sich teilweise
trotz ihrer Schwimmwesten an den zusätzlich ins Wasser
geworfenen Rettungsringen fest. Das dauerte ziemlich
lange, sie formierten sich zu einer Gruppe, wobei sie
sich gegenseitig festhielten und strampelten Richtung
Höhle.
Jetzt sprang auch ich vom Deck ins Wasser, die Beine eng
zusammengepresst und die Hände über dem Kopf. Das warme
Wasser was phantastisch und ich versuchte ihm so wenig
Widerstand wie möglich entgegen zu setzen, um trotz der
Schwimmweste möglichst tief einzutauchen. Als ich durch
den Auftrieb wieder nach oben gedrückt wurde, breitete
ich meine Arme aus, um den Widerstand zu erhöhen und so
dauerte es relativ lange, bis ich wieder auftauchte. Das
hätte ich nicht tun sollen, denn über der
Wasseroberfläche sah ich jetzt in entsetzte Gesichter und
sogar die Tauchlehrerin, die sich einen Neopren-Anzug
angelegt hatte, kam mit besorgtem Gesicht in meine
Richtung geschwommen.
„You are o.k.?“

Um der Gruppe die Befangenheit zu nehmen, forderte die
Reiseleiterin diese jetzt auf, ein Liedchen anzustimmen
und singend ging es langsam zum Eingang und durch den
gewundenen Stollen der Höhle. Ich hatte meine
wasserdichte Lampe nicht dabei und so schwamm ich hinter
der Gesellschaft.
Am Ausgang des Stollens staunte ich.
Wir befanden uns in einem ovalen Schacht mit senkrechten
Wänden, die Durchmesser betrugen vielleicht 50x40 Meter.
Der Grund des Schachts war zur Hälfte mit Sandstrand
gefüllt, auf dem am hinteren Teil kleine Bäume und
Sträucher wuchsen. Kurz hinter den Ausgang konnte man
stehen und gehend den Strand erreichen. Die Wände ragten
etwa 80 oder mehr Meter lotrecht in den blauen Himmel und
nur vereinzelt wuchsen auf kleinen Vorsprüngen oder in
Ritzen einige Pflanzen.
So etwas hatte ich nicht erwartet!
Ich fragte mich, wie dieser gewaltige, wie mit einem
riesigen Fräser in den Fels gebohrte Schacht wohl
entstanden war. Einzig ein mit weichem, später
ausgeschwemmten Gestein angefüllter Schlot schien mir
denkbar, doch sah es nicht so aus, als ob es hier
irgendwelche vulkanische Aktivitäten gegeben hätte. Doch
sicher hatten schon Geologen eine Lösung gefunden, die
völlig anders als meine Vermutung war.
Bereits durch die jetzigen Erlebnisse hatten sich die
dreißig Märker als gut angelegt erwiesen.
Wir verweilten einige Zeit an diesem absonderlichen
Platz und plantschten dann zurück ans Schiff.
Dieses nahm jetzt, nachdem alle wieder an Bord waren,
nordwestlichen Kurs. Der Familienchef sprach mich an und
stellte mir seinen Enkel vor, der in Aachen studiert
hatte und deutsch sprach.
Unser Boot fuhr noch nahe an einigen schönen Klippen und
Inselchen vorbei und steuerte dann eine kleine Insel an,
deren Landungsbrücke über die Korallenriffe
hinausragte.
Das im Preis eingeschlossene Mittagessen, stand jetzt in
dem kleinen Ressort, das zur Landungsbrücke gehörte, auf
dem Programm. Am Steg wimmelte es von Schwärmen
Gelb-Schwarz gestreifter kleiner Fische, die so
zutraulich waren, daß sie an einer ins Wasser gehaltenen
Hand knabberten. Sie warteten auf Futter.
Ich war zwar noch niemals ein großer Fischfan, doch
die vielen Gerichte die aufgetragen wurden und zumeist
aus Meerestieren und Gemüse bestanden, waren wirklich
lecker. Dazu gab es verdünnten Mekong, Milch von jungen
Kokosnüssen und Softdrinks als Getränke.
Bei Tisch kam ich jetzt mit den jungen Damen, die etwa
zwischen 15 und 18 Jahre alt waren, ins Gespräch. Sie
waren stolz, das auf der Schule gelernte Englisch
praktisch anwenden zu können und wie das mit jungen Gören
nun mal ist, gab es in der lustigen Runde viel zu
kichern.
Nachdem wir gespeist hatten ging es Richtung Süden,
dabei passierten wir eine größere Insel, wie üblich mit
hohen senkrechten Felswänden. Ich saß mit den jungen
Damen neben der Brücke bzw. der Ruderkabine, als uns der
Skipper auf einen riesigen Hai aufmerksam machte, dessen
Rücken mit der großen Flosse etwa in 300 Metern
Entfernung durchs Wasser pflügte. Dieses Vieh war
entweder ein riesiger großer Weißer oder ein Walhai, ich
konnte jedoch nicht in Erfahrung bringen, um was es sich
genau handelte, der Skipper sprach nur einige Brocken
Englisch, „ big shark“, das wusste ich auch und die
jungen Damen konnten die Arten nicht unterscheiden. Die
Tauchlehrerin, die ich später fragte, hatte den Fisch
nicht gesehen.
Glücklicherweise schwamm das Monster in rechtem Winkel zu
unserem Boot auf die Insel zu, sonst hätte ich auf der
anderen Insel, auf der wir nach einiger Fahrt anlegten,
ein mulmiges Gefühl gehabt. Denn das kleine Inselchen war
das, was man so Atoll nennt, sie bestand aus Sand, der
vielleicht zwei Meter aus dem Wasser ragte und mit Palmen
bewachsen war. Eine kleine Anlage mit fünf oder sechs
Bungalows und einem Restaurant befand sich auf dem
winzigen von Korallen umgebenen Eiland.
Jetzt wollte man schnorcheln – wie langweilig!
Schon sehr oft hätte ich in meinem Leben die
Möglichkeit gehabt, dieses zu tun, doch ich hatte ja
schon fast alle Filme von Jacques Yves Cousteau gesehen,
weshalb also selbst zwischen diesen von Seeschlangen und
anderen Gifttieren verseuchten Riffen
herumschwimmen.
Die Damen legten jetzt wieder die Schwimmwesten an,
setzten sich Taucherbrillen auf und klemmten einen
Schnorchel zwischen die Zähne. Jetzt konnte auch ich
nicht mehr zurückstehen und so legte ich mir die gleiche
Ausrüstung an. Die Reiseleiterin drückte mir ein
Tauchermesser in die Hand.
„Was soll ich damit, mich gegen Haie wehren?“
Sie lachte.
„Damit kannst du Seeigel aufschneiden und an die
Fische verfüttern.“
So glitt ich also schwer bewaffnet ins Wasser.
Ich war ein Riiiiesen-Esel
gewesen, daß ich das jetzt zum ersten Mal machte!
Sofort vergaß ich die Welt über Wasser. Neugierig kamen
die vielen verschiedenen Fische sehr nahe, berühren
ließen sie sich jedoch nicht. Das waren keine
stumpfsinnigen Bio-Roboter wie ich gedacht hatte.
Gefächerte Polypen zogen sich blitzartig in ihre
Kalkschale zurück, sobald ich eine gewisse Entfernung
unterschritt. Seeigel waren wirklich reichlich vorhanden
und so schnitt ich etliche auf. Die Fische fraßen mir das
Fleisch dieser Korallenschädlinge aus der Hand.
So verging die Zeit wie im Flug und ich verlor das
Zeitgefühl bis mich irgend jemand wieder an den Strand
rief.
Seit diesem Erlebnis empfinde ich Mitleid mit den Wassertieren, wenn ich Filme sehe, in denen die Fischer ihre Netze einholen und die Meerestiere qualvoll ersticken.
Es war bereits später Nachmittag und wir rüsteten uns
zur Rückfahrt.
Die Schatten waren bereits lang, als wir wieder an der
Brücke von Pak Meng anlegten. Einer der Minibusse
hatte sich verspätet und da die Touristen noch an diesem
Tag Trang verlassen und Vorbereitungen für ihren
Umzug an einen anderen Ferienort machen mussten, blieb
ich mit den jungen Mädels an der Landestelle zurück, bis
endlich unser Fahrzeug kam.
Ich war froh, daß auf dem Reisebüro nicht der sparsame
Schwabe in mir die Oberhand behalten hatte!